• Theresa Häfele im Gespräch mit Ursula Hofbauer über Role Models, urbane Praktiken und die Teilhabe am öffentlichen Raum.

    TH: Die Frage nach deiner Tätigkeit … was hast du vorher gemacht?

    UH: Ich habe ewig studiert, nicht unbedingt weil ich nebenbei im Architekturbereich so viel gearbeitet habe, vielmehr weil es mich in alle möglichen anderen Projekte getrieben hat: Radio machen z. B. und solche Dinge. 1996 habe ich Diplom gemacht und dann hatte ich schon das Bedürfnis in der Architektur tätig zu werden. So: Wenn ich das schon hinter mich gebracht habe – das war ja kein geringer Aufwand –, dann möchte ich auch den Betrieb von innen sehen. Ich habe relativ lange Arbeit gesucht und bin dann für ein Jahr auf einem wenig anspruchsvollen Job als CAD-Zeichnerin hängen geblieben. Das Klima im Büro war nicht gut, es wurde viel geschrien und ich dachte: Das brauche ich jetzt auch nicht unbedingt. Danach habe ich zwei Jahre in einer Gebietsbetreuung gearbeitet, das war auch nicht sehr befriedigend. Ich habe einmal bilanziert, was wir für einen Impact in der Wirklichkeit hatten - und das ist nicht sehr positiv ausgefallen. Was ich da geschafft habe, war eine Dame zu empowern, ein Elektro-Problem in ihrer Wohnung selbst zu lösen, sie hat den Stecker für den Fernseher dann mit meiner Unterstützung gefunden und eingesteckt (lacht). Naja ... ansonsten ... ja wir haben kleine Spielplätze ausgestattet, auf irgendwelchen Restflächen, die vom Verkehr übergeblieben sind. Die Idee, die ich hatte, dass es möglich wäre in der Stadt eine Wirkung zu entfalten, das hat sich in der Realität nicht abgebildet. Es hat mir dann auch keinen Spaß mehr gemacht. 

    Darauf habe ich noch zwei Jahre für eine Architektin gearbeitet, die wunderschöne Dachgeschoßausbauten gemacht hat, ästhetisch war das genau mein Ding, aber dann wurde dort auch wieder viel geschrien. 2004 habe ich eine kleine Erbschaft gemacht und mir gedacht: Das muss ich jetzt nicht mehr tun. Bin da irgendwie rausgedropt. Damals hat sich das gut angefühlt … ich meine, ich habe dann nicht gar nichts mehr gemacht, ich habe schon immer wieder kleinere Arbeiten und Projekte angenommen, wenn ich das Gefühl hatte, das macht mir jetzt Spaß. Zwei- oder dreimal, ein paar Monate lang, und wenn es nicht gepasst hat, musste ich nicht. Teilweise hat sich das gut angefühlt. Endlich wieder Zeit zu haben, zu lesen – was ich die acht Jahre zuvor nicht wirklich hatte, wegen Dauerstress. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass es am Ende vielleicht doch keine gute Idee war. Im letzten Jahr habe ich die Ziviltechnikerprüfung gemacht, die KollegInnen waren im Schnitt alle zehn Jahre jünger als ich, manche noch jünger. Jetzt bin ich fünfzig und das ist schon ein bisschen verrückt, in diesem Alter noch ein Büro zu starten. Ich habe das trotzdem gemacht: Ich habe die Befugnis aufrecht gemeldet, vor vierzehn Tagen. Ich habe zwei ganz kleine Projekte, die der Anlass waren, das zu tun. Ich möchte das, möchte jetzt wieder planen und nicht in der Mechatronik stecken bleiben, in der ich momentan bin, die aber nicht meine Herzensangelegenheit ist. Das ist so in etwa meine Flash-Biographie, die gut zu diesem weiblichen Thema passt.

    Wobei ich jetzt wirklich sagen muss: Es hat mich nicht raus gedrängt weil es gläserne Decken gab - oder vielleicht schon, aber sehr subtil? Sondern weil ich regelmäßig das Gefühl hatte: Hier möchte ich nicht weiter machen. Natürlich hat es in dieser Situation immer die Möglichkeit gegeben mich in eine Kampfposition zu stellen und zu versuchen das irgendwie durchzudrücken. Ich habe einfach irgendwann einmal entschieden, das nicht zu wollen, weil das Leben mir zu schade war dafür: Jahrelang durch ein Büro zu latschen, in dem es ein schlechtes Klima gibt und dann vielleicht irgendwann in diesem schlechten Klima eine bessere Position zu haben. 

    TH: Du meinst mehr Verantwortung zu bekommen und die Projektleitung für große Projekte zu übernehmen? Hätte es das einmal als Chance gegeben? Als Möglichkeit? 

    UH: Wie gesagt, wäre ich kampfbereiter gewesen, wahrscheinlich schon. Das erste Büro, von dem ich damals weggegangen bin, die waren so zufrieden mit der Situation, wie sie war, die wollten keine Änderung. Innerhalb kürzester Zeit war ich für den Server zuständig, die ganzen Computergeschichten, weil ich die einzige war, die sich damit ausgekannt hat. Im Grunde sind das alles Learning-by-doing-Geschichten, die nichts mit Architektur zu tun hatten, aber niemand hätte ernsthaft in Erwägung gezogen mich da abzuziehen, weil das war ja so praktisch, dass ich das gemacht habe. Es war klar, dass da nichts passieren würde, in Richtung Projektleitung. 


    TH: Und du hast auf der TU studiert? 

    UH: Ich habe auf der TU studiert … 


    TH: Was ist deine Herzensangelegenheit? Was ist dein inhaltlicher Focus?

    UH: Der öffentliche Raum. Als ich von der Architektur weggegangen bin, habe ich mich dorthin - aber mehr auf der künstlerischen Ebene - hinbegeben. Gemeinsam mit Friedemann Derschmidt, der das (Permanent Breakfast) eigentlich erfunden hat. Fünfzehn Jahre haben wir sehr viel gemeinsam gemacht, wir haben diese Breakfasts gemacht  – er hat das zehn Jahre und ich fünf Jahre gemeinsam betrieben. – Irgendwann ist einfach der Pepp draußen, nach so langer Zeit. Aber es poppt immer wieder auf, zu bestimmten Anlässen gehen wir immer noch in den öffentlichen Raum, stellen dort einen Frühstückstisch auf, bringen Kaffee und Semmeln mit und fangen an mit den Menschen zu reden. Das ist ein sehr freundliches Instrument um im öffentlichen Raum tätig zu werden, es ist sehr niederschwellig, Leute kommen gerne, setzen sich hin; auch Leute, die für andere Projekte nicht ansprechbar wären. Sich auf einen Kaffee hinzusetzen und ein paar Semmeln zu essen, das geht meistens gut, auch mit älteren Menschen, auch mit Menschen, die das normalerweise nicht machen würden. Das stellt sich immer wieder als gutes Instrument heraus. Ich habe aber z.B. auch im Prater für eine Ausstellung Bodenbeschriftungen gemacht: Eine Linie, die dann quasi durch diese Ausstellung geführt hat, die bei verschiedenen Prater-Buden Stationen hatte. Ich habe auch gemeinsam mit Parrhesia, das ist eine israelische Künstlergruppe, mit Israelis und Palästinensern, im öffentlichen Raum, im 20. Bezirk, dreisprachige Beschriftungen gemacht. Das sind natürlich sehr schnelle Instrumente, anders als das Bauen, mit seinem großen finanziellen Volumen, wo man erst mal wissen muss, wo man das herbekommt; wo die Situation der öffentlichen Hand immer prekärer wird, Investitionen gar nicht mehr so leicht möglich sind. Diese künstlerischen Interventionen gehen schnell und bewirken auch was. Das hat sehr viel Spaß gemacht, aber auch da gibt es natürlich irgendwann einen Punkt, wo man sagt: Der Raum, in seiner Benutzbarkeit, wird dadurch auch nicht wirklich nachhaltig und langfristig verbessert.


    TH: Dann arbeitest du in Netzwerken? Wie wichtig ist ein Netzwerk und wie haben sich diese Zusammenarbeiten, Kooperationen ergeben? Für diese Projekte.

    UH: Man war halt befreundet.


    TH: Von Uni-Zeiten? Oder waren das Plattformen? 

    UH: Ja. Den Friedemann kenne ich über gewisse Universitätskooperationen. Ich war auf der TU tätig; er war auf der Hochschülerschaft auf der Angewandten. Man kannte Gesichter und Namen, aber im Grunde gibt es auch viele Gesichter und Namen, mit denen ich nicht gemeinsam gearbeitet habe, mit denen ich nicht befreundet war. Irgendwie kennt man sich, es gibt einen Draht, eine gemeinsame Art auf die Welt zu schauen. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit gibt es natürlich auch Dinge, die man nicht so mag und Dinge, die nicht gut funktionieren. Aber ich würde ihn bei vielen Dingen bitten, sich das gemeinsam anzuschauen; es gibt eine Verständigungsebene – und die gab es auch früher schon –, die man sich nicht mühsam erarbeiten muss. Man kennt dann auch die blinden Flecken des Anderen. Da ergänzt man sich auch.



    TH: Dein Steckenpferd ist: Menschen und öffentlicher Raum ... Wie wichtig ist für dich das Entwerferische? Das Gestalten von Raum, von Lebensumwelt?

    UH: Ja, sehr wichtig. Ich habe jahrelang Vorlesungen besucht, die mich interessiert haben. Natürlich, als ich studiert habe, war das mit der Partizipation etwas, was gerade aufgepoppt ist, was man unbedingt wollte, und man hat darunter gelitten, dass man eigentlich keinen soziologischen Zugang dazu kannte. Ein wenig habe ich das Gefühl, das Pendel schlägt gerade in die andere Richtung aus: Das Einzige, was noch vorgeschlagen werden darf und überhaupt noch möglich ist, sind Workshops mit den BewohnerInnen und BenutzerInnen. Jetzt darf man nur noch Soziologie machen und nichts mehr planen. Der Raum, der mich momentan wieder beschäftigt oder schon sehr lange beschäftigt, ist die Brünner-Straße, hier im 21. Bezirk. Man wird die Probleme, die es hier gibt, wahrscheinlich nicht lösen können, wenn man einfach nur viele Bürgerversammlungen macht und viele Ideen sammelt, die die Leute dazu haben. Oft haben die überhaupt keine Ideen dazu, weil der Raum derartig devastiert ist, dass es einen anderen Blick darauf braucht, der auf einem anderen Maßstab basiert als der, den man im Alltag hat. Das heißt - natürlich ist es wichtig, Menschen einzubinden, ja wirklich einzubinden in den Prozess und nicht nur pro forma zu befragen. Aber an einem Punkt wird es an einen Fachmann oder eine Fachfrau übergehen müssen, der oder die dann gestaltet … mit diesen Vorgaben, die man im Prozess oder begleitend dazu findet.

    Natürlich ist das etwas, was ich hier gerne tun würde. Das Problem ist, dass das momentan weit weg von jeder realen Möglichkeit ist. Es gibt jetzt eine Arbeitsgruppe, die am 21. oder 29. zum ersten Mal tagt, die von der Bezirksvorstehung ausgerufen wurde und zu der ich mich gemeldet habe. Ich werde dort hingehen und schauen, was passiert. Meine Befürchtung ist, dass man eher darüber reden wird, wo man noch drei Blumentöpfe aufstellen kann, als über die grundsätzlichen Möglichkeiten, den öffentlichen Raum auszuweiten, denn wo das Budget dafür herkommen soll, weiß man nicht. Das ist auch etwas, was wir als PlanerInnen durchaus im Blick haben, dass das "Zu-klein-gedacht“ durchaus einen politischen Rahmen hat und warum ist das so, dass wir so klein denken müssen? Jemand, der hier einfach nur wohnt und mit diesen Fragen noch nie etwas zu tun hatte, kann durchaus auch Wünsche und Bedürfnisse aussprechen. Aber die Grenzen auszuloten, wo man auch irgendwann sagen muss: Diese drei Blumentöpfe sind ein schlechter Witz, es muss eine andere Ebene geben, damit umzugehen; ich glaube, das gehört auch unbedingt zu unserem Job.

    TH: Das ist leider oft so: Entweder man ist Teil einer großen Institution oder man hat Leute, einen Bildungsapparat hinter sich … oder hat Referenzen … wie man diesen Einstieg auch schafft; dass man Gehör findet und die fachlichen Kompetenzen auch einsetzen kann ... –  Was sind da die Erfolgsstrategien? Ist es Netzwerken? Was sind deine Strategien? 

    UH: Das ist eine gute Frage. Darüber rätsle ich momentan und denke viel darüber nach, was es sein könnte. Ich weiß es eigentlich nicht, es gerade unheimlich schwierig. Weil so kleinere Aufgaben bekomme ich ja jetzt: im Bekanntenkreis was tun, ein Kleingartenwohnhaus zu machen oder: Wir haben ein Haus gekauft, komm und schau, was man da machen kann. Bei diesen Wohnobjekten zu arbeiten, das passiert schon; also die Freunde, die sind ja jetzt auch in diesem Alter, wo man sich schon ein bisschen was leisten kann, etwas zu verändern, zu sanieren, zu kaufen, zu verbessern. Aber das ist natürlich genau nicht die Arbeit, wie draußen, im öffentlichen Raum.

    Im Moment balanciere ich zwischen einer Mechatronik-Firma und dem eben gestarteten Architekturbüro, da muss ich sehen, wie ich mir die Zeit dafür organisiere. –  Ich gehe auch zu diesen Mentoring-Programmen; da gab es z.B. diesen Architektur-Wettbewerb-Vortrag, diese Diskussion war wirklich sehr erhellend, dass man das nicht nur macht, um zu gewinnen, sondern auch um wahrgenommen zu werden, als Player oder Playerin wahrgenommen zu werden. Das finde ich grundvernünftig und ich glaube auch, dass es gut investierte Zeit ist, trotzdem muss man das alles organisieren. 

    TH: Was erlebst du für Hürden in deinem Arbeitsalltag oder in deinem Werdegang. Hast du Hürden erlebt, wo du sagst: Das war jetzt genderspezifisch … Wo, im Studium? Ich habe jetzt schon mit Studentinnen geredet –  die nehmen das jetzt noch gar nicht so wahr; die haben das Gefühl: Sie werden gut gehört und sind „gleichauf“ und haben alle Chancen und Möglichkeiten … 

    UH: Ich habe schon für zwei Architektinnen gearbeitet bzw. bei der einen war es ein Paar, aber sie hat den Laden geschupft und er hat irgendwelche Skizzen in der Kammer gemacht, die für wichtig empfunden wurden, aber in Wirklichkeit völlig egal waren. Und das war, glaube ich, sehr gut für mich, weil ich gesehen habe, wie sie die Dinge auf der Baustelle organisiert –  ich hatte sozusagen diese beiden Role-Models … wobei … vielleicht ist es bei jedem Role-Model so, dass man irgendwann einmal sagt: Okay, das sind jetzt auch Dinge, die ich so nicht machen möchte. Im zweiten Fall gab es z.B. oft eine große Aufgeregtheit über alles Mögliche … die jeden Tag zu großen Aufregungen geführt hat, die ich wirklich abschreckend gefunden habe. Das war, glaube ich, sicher einer der Gründe, warum ich mich so lange nicht entschließen konnte, die Ziviltechniker-Prüfung zu machen, weil ich mir gedacht habe: So möchte ich nicht werden. Die Bürostruktur ist sehr klein in Wien und man übernimmt viel Verantwortung mit so einem kleinen Büro. Aber wenn man dann schlecht davon schläft, Magengeschwüre bekommt und die Mitarbeiterinnen anschreit … dann sage ich mir: Ich möchte meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht anschreien müssen, weil ich schon so nervös bin … Ja, da einzusteigen und sich zu sagen: Okay, vielleicht kann ich es auch anders machen, hat einigen Anlauf gebraucht, zehn Jahre Anlauf in Wirklichkeit. Auf der anderen Seite war das z.B. auf der Baustelle nie Thema, was weiß ich, sexistische Rede oder dass ich nicht ernst genommen wurde. In Wahrheit war es so, dass die Chefinnen das im Voraus schon planiert hatten … und ja, dann hätte sich niemand getraut mir gegenüber sexistisch zu sein, weil klar war, dass es den Chefinnen gegenüber auch ein Affront gewesen wäre. Ja, aber was ich zum Beispiel nie gekriegt habe, war eine Verantwortung für die Baustelle. Da musste dann doch immer ein Mann her. Das war eine Hürde, an der kam ich auch bei den Architektinnen nicht vorbei.

    Ansonsten Hindernisse? Naja, ich glaube, es spielt ja immer beides eine Rolle. Auf der einen Seite legt uns die Welt Hindernisse in den Weg, auf der anderen Seite erlebe ich jetzt auch –  nicht nur in der Architektur – : Es ist einfach immer noch ungewöhnlich, dass Frauen die Führung übernehmen und viele trauen sich auch nicht. Es gibt auch viele, die diese Verantwortung einfach nicht übernehmen wollen. Dadurch werden sich die Dinge am Ende nicht bessern, so lange wir nicht reinbeißen und sagen: Ja gut, da muss man sich überwinden. Da gibt es jetzt einmal dreißig Tage, wo man schlecht schläft und das gibt sich dann wieder. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich mich auch selber behindert, indem ich gesagt habe: Na gut, ich mache es mir jetzt leicht und weiche irgendwohin aus, wo es angenehmer und bequemer ist und wo weniger Konflikte sind.

    TH: Das hieße mehr Frauen in den Architektinnenberuf zu bringen bedeutet für die Frauen Verantwortung zu übernehmen? 

    UH: Ja, ich glaube wirklich: Dass man einsteigt in die Verantwortung … ja, und zwar … nicht indem man die Augen fest auf die Kollegen und die Männer gepickt hat und sagt: Man muss jetzt alles so machen wie die, ja … Ha, warum kann ich das nicht? Und warum trau ich mich nicht? Sondern indem man einfach den eigenen Weg geht. Da ist man manchmal vorsichtiger; ich habe keine Lust rumzuschreien; oder es passiert mir vielleicht auch einmal … ist mir auch schon passiert, dass ich Leute angeschrien habe – manchmal verliert man halt die Nerven. Man muss dann hinterher auch nicht jahrelang grübeln und sagen: „Jetzt ist es halt passiert und es muss weitergehen.“ 

    TH: Und welche Architektinnen haben dich in deiner Arbeit beeinflusst? Zuerst einmal: Welche kennst du auch?

    UH: Hmm … in meiner Arbeit beeinflusst? Ich glaube, das ist jetzt generell eine schwierige Frage …


    TH: Die beiden Arbeitgeberinnen von dir? 

    UH: Da habe ich gesehen, wie man diese Alltagsgeschäfte gut – und ab einem gewissen Punkt auch wieder nicht so gut – über die Bühne bringt. In einem Business, wo es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen tätig sind. Die Architektur der ersten mochte ich eigentlich gar nicht  so. Da würde ich auch den Unterschied zwischen einer guten und einer erfolgreichen Architektin machen. Erfolgreich war sie sicher. Aber meinen Output stelle ich mir anders vor, das war auch einer der Gründe, warum ich gegangen bin. Wenn die Dinge schon mühsam sind, soll wenigstens am Ende etwas Schönes rauskommen. Die zweite hat mich schon beeinflusst  oder vielleicht habe ich eher gelernt, wie man von der Vorstellung zur Umsetzung gelangt. Was das Ästhetische anlangt, waren wir ziemlich auf einer Linie. Aber so große historische Vorbilder, wo ich sagen könnte: Ah, Schütte-Lihotzky, die habe ich mir angeguckt und die habe ich immer schon gemocht – natürlich habe ich sie mir angeguckt und natürlich habe ich sie gemocht – aber ich weiß nicht, ob das wirklich einen Impact darauf hatte, wie ich produziere? 


    TH: Ich habe dich auch über den Jane’s-Walk kennengelernt und wie bist du auf den Jane’s-Walk gekommen?

    UH: Das war über Andreas Lindinger, der das in Wien zum zweiten oder dritten Mal organisiert hat. Ich kenne ihn aus meinem erweiterten Netzwerk und wir haben uns auch immer wieder irgendwo getroffen. Die Idee fand ich großartig. Die Jane’s-Walks waren nicht meine einzigen Spaziergänge in der Stadt. Ich habe immer wieder mal welche gemacht, zu verschiedenen Themen: Vor zehn Jahren bin ich schon spazieren gegangen – vom Riesenrad zum Millennium-Tower – habe dort auch die Gender-Relevanz dieser Landmarks bzw. Wahrzeichen angeschaut. Aber ich fand es super, dass er das mit so viel Nachdruck betrieben hat, das herzubringen und es ist mir im Grunde egal, unter welchem Titel ich spazieren gehe. Er hat das gut beworben, so dass wirklich Leute kommen, denn ich bin auch schon früher in Floridsdorf spazieren gegangen, auch die Brünnerstraße entlang, das ist schwierig: Beim zweiten Termin, den ich angesetzt hatte, kam niemand mehr. Ich war dann positiv überrascht, dass beide Jane's Walks in Floridsdorf gut besucht waren, es ist eben auch gut beworben auf der Homepage. Es gibt auch andere Gegenden hier draußen, durch die ich gern einmal gehen würde, z.B. eine sehr spannende 50-er-Jahre-Siedlung, ein paar Meter von hier entfernt, wo ich mir denke: Wenn wir über Einfach-Bauen reden, dann muss man sich das anschauen, muss man das kennenlernen. So unaufgeregt, auch auf Grund der ökonomisch prekären Lage dieser Zeit entstanden, von der Qualität der Räume und der Häuser, wirklich großartig. Und es ist ein guter Vergleichspunkt für alles was nachher gekommen ist, direkt gegenüber dann die Siedlungen, wo es nur noch um Parkplätze für Autos ging in der Freiraumgestaltung. Da möchte ich gerne mit einem interessierten Publikum zu Fuß durch gehen. Aber wie gesagt, das ist immer so eine Sache: es ist wirklich schwierig Leute hier nach Floridsdorf zu bekommen. Da ist es gut einen Transporter zu haben, wo ich mich draufsetzen kann, wie die Jane's Walks.


    TH: Jane’s Walk, der ja auf Jane Jacobs zurückgeht, die dieser Praxis der Stadtbeobachtung durch das gemeinsame Spazierengehen ihren Namen gegeben hat. Darf das jeder machen –  oder: Was sind die Maximen? 

    UH: Bei der Walk21-Konferenz in Wien habe ich Denise Pinto getroffen, quasi die Cheforganisatorin der weltweiten Jane's Walks. Die hat eigentlich eher dazu geraten Walks nicht selber zu leiten, sondern andere BewohnerInnen und NutzerInnen zu finden, die das machen könnten. Ich habe leider für die Brünner Straße niemanden gefunden und hab es dann halt doch selbst gemacht. Aber die Idee ist nicht die große, weise Erklärerin zu sein, die die Wunderstraße herzeigt. Sondern Menschen zu finden, die hier wohnen und ihr Grätzel, ihre Lebensumgebung herzeigen. Eine Idee wäre auch, öfter zu gehen und sich gegenseitig das Grätzel zu zeigen, in dem man lebt, und darüber ins Gespräch zu kommen. Was ich auch wirklich sehr mag und sehr charmant finde: Dass es nicht den Druck gibt, etwas schlecht oder gut finden zu müssen oder zu einem Ergebnis kommen zu müssen, was hier alles anders werden kann. Sondern sich das mit einer gewissen Gelassenheit anzusehen, Dinge zu sehen, die man noch nicht gesehen hat, obwohl man da schon hundertmal durchgegangen ist. Das kann jeder machen und ich glaube, es ist nicht einmal notwendig, an dem Ort zu wohnen; es ist einfach ein Raum, den man benutzt oder an dem man interessiert ist.

    TH: Dass Beteiligte über ihre Nachbarschaft erzählen und führen?

    UH: Genau. Bei dem ersten Walk –  du warst ja beim zweiten? –  hatte ich einen Super-Experten mit dabei, der alles, absolut alles, über die Geschichte Floridsdorfs weiß. Das hat sich durchaus als Bumerang erwiesen. Einerseits war es ziemlich spannend, so viele Dinge zu erfahren, auf der anderen Seite kippt das dann, wenn alle warten, was er an der nächsten Ecke erzählt. Das war auch nicht zu stoppen, wir waren über vier Stunden unterwegs und die Leute waren am Ende wirklich erschöpft. Dieses Gespräch, um das es eigentlich geht, dass man miteinander redet, dass immer zwei Leute sich im Gehen gegenseitig was erzählen, nicht alle dem einen Wissenden zuhören, das ging verloren. Es war dann eher eine klassische Führung, wo man etwas gezeigt bekommt. Und so sollte es eigentlich nicht sein.


    TH: Du hast schon Kanada erwähnt, wo dieses Netzwerk gegründet wurde und wir spazieren in Wien und eine Freundin von mir hat beim Jane’s Walk in Barcelona teilgenommen –  also ist es eine sehr weit verbreitete Praxis?

    UH: Ja, ich glaube, es gibt auch Veranstaltungen über das Jane’s-Walk-Netzwerk und nicht ausschließlich Spaziergänge, aber im Wesentlichen ist es eine Home-Page, wo man seinen Walk eintragen kann. Das finde ich aber super, weil es quasi eine „Brand“ ist. Leute kennen zunehmend die Idee, um was es geht - und wie gesagt: Ich finde es einen Super-Transporter, um Menschen zu erreichen, die mitgehen wollen. Hier draußen ist tatsächlich das Problem: Wie komme ich an die Leute heran, die hier wohnen? Es waren schon auch Floridsdorfer da, bei diesen Spaziergängen, aber nicht viele. In der Mehrheit waren es Leute, die sich für Stadt oder Stadtplanung interessieren, die aber nicht hier wohnen. Toll wäre, wenn man wirklich mit den Menschen spazieren gehen könnte, die entlang der Brünner-Straße oder in dem Grätzel wohnen.


    TH: Dahinter steckt oft ja auch ein politischer Wille, was zu ändern. War das Anliegen von dir auch politisch? Dass sich vielleicht auch Communities bilden, die bestimmte Interessen vertreten? 

    UH: Ja, natürlich. Man bleibt nicht stecken und denkt: So, jetzt sind wir spazieren gegangen und dann gehen alle nach Hause und nichts hat sich geändert. Trotzdem finde ich es gut, wie beim öffentlichen Breakfast, ein harmloses Mittel zu haben – jetzt nicht als Fliegenfängerei –, sondern ohne ein Druckmittel beim Betrachten des Raumes. Ich glaube, dass es wirklich die Beschäftigung mit dem Raum erleichtert, wenn man nicht ununterbrochen auf der Suche nach Fehlern oder Dingen sein muss, die ganz schnell anders werden sollen. Das birgt auch die Gefahr, zu sagen: Ja, jetzt hat man den Fehler gefunden! Aha, und verändert das und kommt dann darauf: Eigentlich ist nichts besser geworden, denn irgendein Problem, das man nicht in den Blick gekriegt hat, ist immer noch da. 


    TH: Und das sind dann auch eigentlich ehrenamtliche Sachen: diese Urbanen Strategien - sagen wir einmal so –  eben zusammen ein Breakfast und Jane’s Walk …
    Die „Permanent Breakfast Grenzauflösungstour“, die wir gemacht haben, als Tschechien, Ungarn und die Slowakei zur EU gekommen sind, da haben wir – an einem tschechischen, einem österreichischen, einem tschechischen, einem österreichischen Ort – im Zick-Zack-System gefrühstückt; dafür gab es Förderungen. Die waren nicht wahnsinnig toll, haben im Wesentlichen nur sichergestellt, dass wir die Semmeln kaufen konnten und das Benzin, um dorthin zu fahren. Bezahlung würde ich das nicht nennen wollen; aber ja, dafür gab es Förderungen. Es war natürlich auch Aufwand diesen Antrag zu schreiben, der Antrag für Ungarn ist abgelehnt worden – wir hatten dort schon mit den Bürgermeistern alles vereinbart gehabt: Wir kommen! Ja, und was machen wir jetzt? Fährt man nicht hin, weil man das Geld nicht bekommen hat? Ja, diese Dinge sind ehrenamtlich, auch wenn ich jetzt am 29. November zu diesem Arbeitskreis gehen werde, wo es um die Frage geht, was im öffentlichen Raum, in der Umgebung passieren kann, ist das natürlich auch unbezahlt. Ad hoc ist das nicht so ärgerlich, weil ich ja auch eine Bezirksbewohnerin wie alle anderen bin und Wünsche und Interessen habe, was passieren soll. Was ich aber schon ärgerlich fände: Wenn das der Endpunkt der Dinge ist und niemand – also nicht ich persönlich, sondern niemand – einen Auftrag bekommt, zu einem Standort zu arbeiten. Da bin ich mittlerweile wirklich allergisch auf diese Studentenprojekte, die in den Bezirken besonders beliebt sind – was mich nicht wundert. Die Studenten kriegen irgendeine Aufgabe auf der TU, sind dann drei Wochen da und das wird dann präsentiert und vom Bezirk gefeiert, als ob das etwas ganz Großartiges wäre. Ich habe mir einmal diese Arbeiten bei der Ergebnispräsentation angeschaut, letztes oder vorletztes Jahr, die zu diesem Einkaufszentrum waren und bin, ehrlich gesagt, ein bisschen verfallen: Jetzt feiert man das und es wird nichts davon, absolut nichts davon jemals kommen. Da sind Dinge dabei, die schon vor zwanzig Jahren genauso diskutiert wurden und nichts ist passiert. Wenn man das eine Zeit lang beobachtet, kann man es eigentlich nur noch Verarschung nennen. Einerseits der Studenten, denen da vorgeführt wird, was sie für einen wertvollen Beitrag leisten, und irgendwann lernen sie, dass das nicht so ist und dass die KollegInnen der nächsten Generation mit dem gleichen Enthusiasmus die gleichen Ideen wieder produzieren, die wieder im Papierkorb landen werden. Aber auch gegenüber den Leuten, die hier wohnen, denen man vorgaukelt, es würde jetzt etwas passieren und in Wirklichkeit passiert nichts. Das macht mich mittlerweile auch böse, ehrenamtliches Engagement auf der einen Seite, finde ich okay, aber das auf eine Art und Weise auszunutzen, propagandistisch, die nur kaschiert, dass nichts passiert, das ist noch einmal eine andere Qualität, die ich furchtbar finde.

    TH: Während deines Studiums … also man kriegt ja in der Architektur-Theorie immer diese Stars aus der Architekturgeschichte vorgesetzt … Waren da schon Frauen dabei? 

    UH: Wir haben das damals selbst gemacht, diese Veranstaltung, das ist schon so lange her, weiß nicht mehr genau, wen wir da allen eingeladen haben, Philosophinnen und Architektinnen, acht Frauen. Das war eine der ersten Vortragsgeschichten, die wir organisiert haben, die überhaupt auf der Fachschaft organisiert wurde. Woran ich mich erinnere, dass wir die Elsa Prohaska eingeladen hatten zum Vortrag. Und die hatte zwar schon gebaut, war aber noch keine Architektin, Ziviltechnikerin, Kammermitglied... Und irgendwann ist die Inge Manka gekommen, die das maßgeblich mit organisiert hat, und hat gesagt: Jetzt hat die Architektenkammer angerufen, die haben sie total niedergebügelt inklusive Klagsandrohung, weil wir die Elsa Prohaska mit einem Arch. davor auf das Plakat geschrieben hatten - und sie das damals eben noch nicht war. Da waren wir erstmal sprachlos. Also man hat uns nicht einfach gesagt, dass wir das nicht mehr machen sollen, man hat uns als Veranstalterinnen deswegen mit einer Klage gedroht seitens der Kammer.

    Wir haben das neulich bei einem Mentoring-Abend in der Kammer mal mit Nina Krämer-Pölkhofer besprochen, dass die Kammer das wohl zum Glück nicht mehr so macht, dass sie Menschen mit Drohungen nachstellt, die den Titel Architekt oder Architektin unbefugt verwenden. Das kann man jetzt vielleicht auch als Nachlässigkeit einer Interessensvertretung verstehen, aber ich persönlich bin schon ganz froh, dass wir jetzt keine jungen Menschen mehr erschrecken, auf diese Weise abschrecken. Ich weiß auch nicht, ob ich so gerne Mitglied einer Kammer gewesen wäre, die so etwas macht, dann also quasi in meinem Namen so verfährt. Ich höre auch oft, dass sich das Klima diesbezüglich erst in jüngster Zeit schon verbessert haben soll. Vielleicht ist das ja jetzt auch erst der Zeitpunkt, wo ich es für mich überhaupt verantworten kann, Mitglied in diesem Club zu sein.

     

    Ursula Hofbauer ist Künstlerin und Architektin in Wien, hat in verschiedenen Kunst- und Ausstellungsprojekten im und mit dem öffentlichen Raum gearbeitet, unter anderem mit der israelisch/palästinensischen Künster/innengruppe Parrhesia mit dreisprachigen Graffiti rund um den Gaußplatz; „Strange Views“, Ausstellung zu den Völkerschauen im Wiener Prater mit Bodenbeschriftung; „Permanent Breakfast“, das immerwährende Frühstück im öffentlichen Raum; Weinverkostung mit Obdachlosen unter der Schwedenbrücke; mehrere Kunstprojekte mit Flüchtlingen im Mumok und in der Secession; Vorträge, Publikationen und Stadtspaziergänge zu „Permanent Breakfast“, Gender und öffentlichem Raum und Wiener Wahrzeichen. Widmet sich Fragen des öffentlichen Raums, seiner demokratischen Nutzung und Aneignung und der daraus resultierenden Gestaltung.

    Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
    Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

    Theresa Häfele_Wien_ 2017

    Interview Ursula Hofbauer     - über Role Models, urbane Praktiken und die Teilhabe am öffentlichen Raum.

    info

    Theresa Häfele im Gespräch mit Ursula Hofbauer über Role Models, urbane Praktiken und die Teilhabe am öffentlichen Raum.

    TH: Die Frage nach deiner Tätigkeit … was hast du vorher gemacht?

    UH: Ich habe ewig studiert, nicht unbedingt weil ich nebenbei im Architekturbereich so viel gearbeitet habe, vielmehr weil es mich in alle möglichen anderen Projekte getrieben hat: Radio machen z. B. und solche Dinge. 1996 habe ich Diplom gemacht und dann hatte ich schon das Bedürfnis in der Architektur tätig zu werden. So: Wenn ich das schon hinter mich gebracht habe – das war ja kein geringer Aufwand –, dann möchte ich auch den Betrieb von innen sehen. Ich habe relativ lange Arbeit gesucht und bin dann für ein Jahr auf einem wenig anspruchsvollen Job als CAD-Zeichnerin hängen geblieben. Das Klima im Büro war nicht gut, es wurde viel geschrien und ich dachte: Das brauche ich jetzt auch nicht unbedingt. Danach habe ich zwei Jahre in einer Gebietsbetreuung gearbeitet, das war auch nicht sehr befriedigend. Ich habe einmal bilanziert, was wir für einen Impact in der Wirklichkeit hatten - und das ist nicht sehr positiv ausgefallen. Was ich da geschafft habe, war eine Dame zu empowern, ein Elektro-Problem in ihrer Wohnung selbst zu lösen, sie hat den Stecker für den Fernseher dann mit meiner Unterstützung gefunden und eingesteckt (lacht). Naja ... ansonsten ... ja wir haben kleine Spielplätze ausgestattet, auf irgendwelchen Restflächen, die vom Verkehr übergeblieben sind. Die Idee, die ich hatte, dass es möglich wäre in der Stadt eine Wirkung zu entfalten, das hat sich in der Realität nicht abgebildet. Es hat mir dann auch keinen Spaß mehr gemacht. 

    Darauf habe ich noch zwei Jahre für eine Architektin gearbeitet, die wunderschöne Dachgeschoßausbauten gemacht hat, ästhetisch war das genau mein Ding, aber dann wurde dort auch wieder viel geschrien. 2004 habe ich eine kleine Erbschaft gemacht und mir gedacht: Das muss ich jetzt nicht mehr tun. Bin da irgendwie rausgedropt. Damals hat sich das gut angefühlt … ich meine, ich habe dann nicht gar nichts mehr gemacht, ich habe schon immer wieder kleinere Arbeiten und Projekte angenommen, wenn ich das Gefühl hatte, das macht mir jetzt Spaß. Zwei- oder dreimal, ein paar Monate lang, und wenn es nicht gepasst hat, musste ich nicht. Teilweise hat sich das gut angefühlt. Endlich wieder Zeit zu haben, zu lesen – was ich die acht Jahre zuvor nicht wirklich hatte, wegen Dauerstress. Auf der anderen Seite muss ich sagen, dass es am Ende vielleicht doch keine gute Idee war. Im letzten Jahr habe ich die Ziviltechnikerprüfung gemacht, die KollegInnen waren im Schnitt alle zehn Jahre jünger als ich, manche noch jünger. Jetzt bin ich fünfzig und das ist schon ein bisschen verrückt, in diesem Alter noch ein Büro zu starten. Ich habe das trotzdem gemacht: Ich habe die Befugnis aufrecht gemeldet, vor vierzehn Tagen. Ich habe zwei ganz kleine Projekte, die der Anlass waren, das zu tun. Ich möchte das, möchte jetzt wieder planen und nicht in der Mechatronik stecken bleiben, in der ich momentan bin, die aber nicht meine Herzensangelegenheit ist. Das ist so in etwa meine Flash-Biographie, die gut zu diesem weiblichen Thema passt.

    Wobei ich jetzt wirklich sagen muss: Es hat mich nicht raus gedrängt weil es gläserne Decken gab - oder vielleicht schon, aber sehr subtil? Sondern weil ich regelmäßig das Gefühl hatte: Hier möchte ich nicht weiter machen. Natürlich hat es in dieser Situation immer die Möglichkeit gegeben mich in eine Kampfposition zu stellen und zu versuchen das irgendwie durchzudrücken. Ich habe einfach irgendwann einmal entschieden, das nicht zu wollen, weil das Leben mir zu schade war dafür: Jahrelang durch ein Büro zu latschen, in dem es ein schlechtes Klima gibt und dann vielleicht irgendwann in diesem schlechten Klima eine bessere Position zu haben. 

    TH: Du meinst mehr Verantwortung zu bekommen und die Projektleitung für große Projekte zu übernehmen? Hätte es das einmal als Chance gegeben? Als Möglichkeit? 

    UH: Wie gesagt, wäre ich kampfbereiter gewesen, wahrscheinlich schon. Das erste Büro, von dem ich damals weggegangen bin, die waren so zufrieden mit der Situation, wie sie war, die wollten keine Änderung. Innerhalb kürzester Zeit war ich für den Server zuständig, die ganzen Computergeschichten, weil ich die einzige war, die sich damit ausgekannt hat. Im Grunde sind das alles Learning-by-doing-Geschichten, die nichts mit Architektur zu tun hatten, aber niemand hätte ernsthaft in Erwägung gezogen mich da abzuziehen, weil das war ja so praktisch, dass ich das gemacht habe. Es war klar, dass da nichts passieren würde, in Richtung Projektleitung. 


    TH: Und du hast auf der TU studiert? 

    UH: Ich habe auf der TU studiert … 


    TH: Was ist deine Herzensangelegenheit? Was ist dein inhaltlicher Focus?

    UH: Der öffentliche Raum. Als ich von der Architektur weggegangen bin, habe ich mich dorthin - aber mehr auf der künstlerischen Ebene - hinbegeben. Gemeinsam mit Friedemann Derschmidt, der das (Permanent Breakfast) eigentlich erfunden hat. Fünfzehn Jahre haben wir sehr viel gemeinsam gemacht, wir haben diese Breakfasts gemacht  – er hat das zehn Jahre und ich fünf Jahre gemeinsam betrieben. – Irgendwann ist einfach der Pepp draußen, nach so langer Zeit. Aber es poppt immer wieder auf, zu bestimmten Anlässen gehen wir immer noch in den öffentlichen Raum, stellen dort einen Frühstückstisch auf, bringen Kaffee und Semmeln mit und fangen an mit den Menschen zu reden. Das ist ein sehr freundliches Instrument um im öffentlichen Raum tätig zu werden, es ist sehr niederschwellig, Leute kommen gerne, setzen sich hin; auch Leute, die für andere Projekte nicht ansprechbar wären. Sich auf einen Kaffee hinzusetzen und ein paar Semmeln zu essen, das geht meistens gut, auch mit älteren Menschen, auch mit Menschen, die das normalerweise nicht machen würden. Das stellt sich immer wieder als gutes Instrument heraus. Ich habe aber z.B. auch im Prater für eine Ausstellung Bodenbeschriftungen gemacht: Eine Linie, die dann quasi durch diese Ausstellung geführt hat, die bei verschiedenen Prater-Buden Stationen hatte. Ich habe auch gemeinsam mit Parrhesia, das ist eine israelische Künstlergruppe, mit Israelis und Palästinensern, im öffentlichen Raum, im 20. Bezirk, dreisprachige Beschriftungen gemacht. Das sind natürlich sehr schnelle Instrumente, anders als das Bauen, mit seinem großen finanziellen Volumen, wo man erst mal wissen muss, wo man das herbekommt; wo die Situation der öffentlichen Hand immer prekärer wird, Investitionen gar nicht mehr so leicht möglich sind. Diese künstlerischen Interventionen gehen schnell und bewirken auch was. Das hat sehr viel Spaß gemacht, aber auch da gibt es natürlich irgendwann einen Punkt, wo man sagt: Der Raum, in seiner Benutzbarkeit, wird dadurch auch nicht wirklich nachhaltig und langfristig verbessert.


    TH: Dann arbeitest du in Netzwerken? Wie wichtig ist ein Netzwerk und wie haben sich diese Zusammenarbeiten, Kooperationen ergeben? Für diese Projekte.

    UH: Man war halt befreundet.


    TH: Von Uni-Zeiten? Oder waren das Plattformen? 

    UH: Ja. Den Friedemann kenne ich über gewisse Universitätskooperationen. Ich war auf der TU tätig; er war auf der Hochschülerschaft auf der Angewandten. Man kannte Gesichter und Namen, aber im Grunde gibt es auch viele Gesichter und Namen, mit denen ich nicht gemeinsam gearbeitet habe, mit denen ich nicht befreundet war. Irgendwie kennt man sich, es gibt einen Draht, eine gemeinsame Art auf die Welt zu schauen. Nach vielen Jahren der Zusammenarbeit gibt es natürlich auch Dinge, die man nicht so mag und Dinge, die nicht gut funktionieren. Aber ich würde ihn bei vielen Dingen bitten, sich das gemeinsam anzuschauen; es gibt eine Verständigungsebene – und die gab es auch früher schon –, die man sich nicht mühsam erarbeiten muss. Man kennt dann auch die blinden Flecken des Anderen. Da ergänzt man sich auch.



    TH: Dein Steckenpferd ist: Menschen und öffentlicher Raum ... Wie wichtig ist für dich das Entwerferische? Das Gestalten von Raum, von Lebensumwelt?

    UH: Ja, sehr wichtig. Ich habe jahrelang Vorlesungen besucht, die mich interessiert haben. Natürlich, als ich studiert habe, war das mit der Partizipation etwas, was gerade aufgepoppt ist, was man unbedingt wollte, und man hat darunter gelitten, dass man eigentlich keinen soziologischen Zugang dazu kannte. Ein wenig habe ich das Gefühl, das Pendel schlägt gerade in die andere Richtung aus: Das Einzige, was noch vorgeschlagen werden darf und überhaupt noch möglich ist, sind Workshops mit den BewohnerInnen und BenutzerInnen. Jetzt darf man nur noch Soziologie machen und nichts mehr planen. Der Raum, der mich momentan wieder beschäftigt oder schon sehr lange beschäftigt, ist die Brünner-Straße, hier im 21. Bezirk. Man wird die Probleme, die es hier gibt, wahrscheinlich nicht lösen können, wenn man einfach nur viele Bürgerversammlungen macht und viele Ideen sammelt, die die Leute dazu haben. Oft haben die überhaupt keine Ideen dazu, weil der Raum derartig devastiert ist, dass es einen anderen Blick darauf braucht, der auf einem anderen Maßstab basiert als der, den man im Alltag hat. Das heißt - natürlich ist es wichtig, Menschen einzubinden, ja wirklich einzubinden in den Prozess und nicht nur pro forma zu befragen. Aber an einem Punkt wird es an einen Fachmann oder eine Fachfrau übergehen müssen, der oder die dann gestaltet … mit diesen Vorgaben, die man im Prozess oder begleitend dazu findet.

    Natürlich ist das etwas, was ich hier gerne tun würde. Das Problem ist, dass das momentan weit weg von jeder realen Möglichkeit ist. Es gibt jetzt eine Arbeitsgruppe, die am 21. oder 29. zum ersten Mal tagt, die von der Bezirksvorstehung ausgerufen wurde und zu der ich mich gemeldet habe. Ich werde dort hingehen und schauen, was passiert. Meine Befürchtung ist, dass man eher darüber reden wird, wo man noch drei Blumentöpfe aufstellen kann, als über die grundsätzlichen Möglichkeiten, den öffentlichen Raum auszuweiten, denn wo das Budget dafür herkommen soll, weiß man nicht. Das ist auch etwas, was wir als PlanerInnen durchaus im Blick haben, dass das "Zu-klein-gedacht“ durchaus einen politischen Rahmen hat und warum ist das so, dass wir so klein denken müssen? Jemand, der hier einfach nur wohnt und mit diesen Fragen noch nie etwas zu tun hatte, kann durchaus auch Wünsche und Bedürfnisse aussprechen. Aber die Grenzen auszuloten, wo man auch irgendwann sagen muss: Diese drei Blumentöpfe sind ein schlechter Witz, es muss eine andere Ebene geben, damit umzugehen; ich glaube, das gehört auch unbedingt zu unserem Job.

    TH: Das ist leider oft so: Entweder man ist Teil einer großen Institution oder man hat Leute, einen Bildungsapparat hinter sich … oder hat Referenzen … wie man diesen Einstieg auch schafft; dass man Gehör findet und die fachlichen Kompetenzen auch einsetzen kann ... –  Was sind da die Erfolgsstrategien? Ist es Netzwerken? Was sind deine Strategien? 

    UH: Das ist eine gute Frage. Darüber rätsle ich momentan und denke viel darüber nach, was es sein könnte. Ich weiß es eigentlich nicht, es gerade unheimlich schwierig. Weil so kleinere Aufgaben bekomme ich ja jetzt: im Bekanntenkreis was tun, ein Kleingartenwohnhaus zu machen oder: Wir haben ein Haus gekauft, komm und schau, was man da machen kann. Bei diesen Wohnobjekten zu arbeiten, das passiert schon; also die Freunde, die sind ja jetzt auch in diesem Alter, wo man sich schon ein bisschen was leisten kann, etwas zu verändern, zu sanieren, zu kaufen, zu verbessern. Aber das ist natürlich genau nicht die Arbeit, wie draußen, im öffentlichen Raum.

    Im Moment balanciere ich zwischen einer Mechatronik-Firma und dem eben gestarteten Architekturbüro, da muss ich sehen, wie ich mir die Zeit dafür organisiere. –  Ich gehe auch zu diesen Mentoring-Programmen; da gab es z.B. diesen Architektur-Wettbewerb-Vortrag, diese Diskussion war wirklich sehr erhellend, dass man das nicht nur macht, um zu gewinnen, sondern auch um wahrgenommen zu werden, als Player oder Playerin wahrgenommen zu werden. Das finde ich grundvernünftig und ich glaube auch, dass es gut investierte Zeit ist, trotzdem muss man das alles organisieren. 

    TH: Was erlebst du für Hürden in deinem Arbeitsalltag oder in deinem Werdegang. Hast du Hürden erlebt, wo du sagst: Das war jetzt genderspezifisch … Wo, im Studium? Ich habe jetzt schon mit Studentinnen geredet –  die nehmen das jetzt noch gar nicht so wahr; die haben das Gefühl: Sie werden gut gehört und sind „gleichauf“ und haben alle Chancen und Möglichkeiten … 

    UH: Ich habe schon für zwei Architektinnen gearbeitet bzw. bei der einen war es ein Paar, aber sie hat den Laden geschupft und er hat irgendwelche Skizzen in der Kammer gemacht, die für wichtig empfunden wurden, aber in Wirklichkeit völlig egal waren. Und das war, glaube ich, sehr gut für mich, weil ich gesehen habe, wie sie die Dinge auf der Baustelle organisiert –  ich hatte sozusagen diese beiden Role-Models … wobei … vielleicht ist es bei jedem Role-Model so, dass man irgendwann einmal sagt: Okay, das sind jetzt auch Dinge, die ich so nicht machen möchte. Im zweiten Fall gab es z.B. oft eine große Aufgeregtheit über alles Mögliche … die jeden Tag zu großen Aufregungen geführt hat, die ich wirklich abschreckend gefunden habe. Das war, glaube ich, sicher einer der Gründe, warum ich mich so lange nicht entschließen konnte, die Ziviltechniker-Prüfung zu machen, weil ich mir gedacht habe: So möchte ich nicht werden. Die Bürostruktur ist sehr klein in Wien und man übernimmt viel Verantwortung mit so einem kleinen Büro. Aber wenn man dann schlecht davon schläft, Magengeschwüre bekommt und die Mitarbeiterinnen anschreit … dann sage ich mir: Ich möchte meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht anschreien müssen, weil ich schon so nervös bin … Ja, da einzusteigen und sich zu sagen: Okay, vielleicht kann ich es auch anders machen, hat einigen Anlauf gebraucht, zehn Jahre Anlauf in Wirklichkeit. Auf der anderen Seite war das z.B. auf der Baustelle nie Thema, was weiß ich, sexistische Rede oder dass ich nicht ernst genommen wurde. In Wahrheit war es so, dass die Chefinnen das im Voraus schon planiert hatten … und ja, dann hätte sich niemand getraut mir gegenüber sexistisch zu sein, weil klar war, dass es den Chefinnen gegenüber auch ein Affront gewesen wäre. Ja, aber was ich zum Beispiel nie gekriegt habe, war eine Verantwortung für die Baustelle. Da musste dann doch immer ein Mann her. Das war eine Hürde, an der kam ich auch bei den Architektinnen nicht vorbei.

    Ansonsten Hindernisse? Naja, ich glaube, es spielt ja immer beides eine Rolle. Auf der einen Seite legt uns die Welt Hindernisse in den Weg, auf der anderen Seite erlebe ich jetzt auch –  nicht nur in der Architektur – : Es ist einfach immer noch ungewöhnlich, dass Frauen die Führung übernehmen und viele trauen sich auch nicht. Es gibt auch viele, die diese Verantwortung einfach nicht übernehmen wollen. Dadurch werden sich die Dinge am Ende nicht bessern, so lange wir nicht reinbeißen und sagen: Ja gut, da muss man sich überwinden. Da gibt es jetzt einmal dreißig Tage, wo man schlecht schläft und das gibt sich dann wieder. Ich weiß nicht, vielleicht habe ich mich auch selber behindert, indem ich gesagt habe: Na gut, ich mache es mir jetzt leicht und weiche irgendwohin aus, wo es angenehmer und bequemer ist und wo weniger Konflikte sind.

    TH: Das hieße mehr Frauen in den Architektinnenberuf zu bringen bedeutet für die Frauen Verantwortung zu übernehmen? 

    UH: Ja, ich glaube wirklich: Dass man einsteigt in die Verantwortung … ja, und zwar … nicht indem man die Augen fest auf die Kollegen und die Männer gepickt hat und sagt: Man muss jetzt alles so machen wie die, ja … Ha, warum kann ich das nicht? Und warum trau ich mich nicht? Sondern indem man einfach den eigenen Weg geht. Da ist man manchmal vorsichtiger; ich habe keine Lust rumzuschreien; oder es passiert mir vielleicht auch einmal … ist mir auch schon passiert, dass ich Leute angeschrien habe – manchmal verliert man halt die Nerven. Man muss dann hinterher auch nicht jahrelang grübeln und sagen: „Jetzt ist es halt passiert und es muss weitergehen.“ 

    TH: Und welche Architektinnen haben dich in deiner Arbeit beeinflusst? Zuerst einmal: Welche kennst du auch?

    UH: Hmm … in meiner Arbeit beeinflusst? Ich glaube, das ist jetzt generell eine schwierige Frage …


    TH: Die beiden Arbeitgeberinnen von dir? 

    UH: Da habe ich gesehen, wie man diese Alltagsgeschäfte gut – und ab einem gewissen Punkt auch wieder nicht so gut – über die Bühne bringt. In einem Business, wo es immer noch nicht selbstverständlich ist, dass Frauen tätig sind. Die Architektur der ersten mochte ich eigentlich gar nicht  so. Da würde ich auch den Unterschied zwischen einer guten und einer erfolgreichen Architektin machen. Erfolgreich war sie sicher. Aber meinen Output stelle ich mir anders vor, das war auch einer der Gründe, warum ich gegangen bin. Wenn die Dinge schon mühsam sind, soll wenigstens am Ende etwas Schönes rauskommen. Die zweite hat mich schon beeinflusst  oder vielleicht habe ich eher gelernt, wie man von der Vorstellung zur Umsetzung gelangt. Was das Ästhetische anlangt, waren wir ziemlich auf einer Linie. Aber so große historische Vorbilder, wo ich sagen könnte: Ah, Schütte-Lihotzky, die habe ich mir angeguckt und die habe ich immer schon gemocht – natürlich habe ich sie mir angeguckt und natürlich habe ich sie gemocht – aber ich weiß nicht, ob das wirklich einen Impact darauf hatte, wie ich produziere? 


    TH: Ich habe dich auch über den Jane’s-Walk kennengelernt und wie bist du auf den Jane’s-Walk gekommen?

    UH: Das war über Andreas Lindinger, der das in Wien zum zweiten oder dritten Mal organisiert hat. Ich kenne ihn aus meinem erweiterten Netzwerk und wir haben uns auch immer wieder irgendwo getroffen. Die Idee fand ich großartig. Die Jane’s-Walks waren nicht meine einzigen Spaziergänge in der Stadt. Ich habe immer wieder mal welche gemacht, zu verschiedenen Themen: Vor zehn Jahren bin ich schon spazieren gegangen – vom Riesenrad zum Millennium-Tower – habe dort auch die Gender-Relevanz dieser Landmarks bzw. Wahrzeichen angeschaut. Aber ich fand es super, dass er das mit so viel Nachdruck betrieben hat, das herzubringen und es ist mir im Grunde egal, unter welchem Titel ich spazieren gehe. Er hat das gut beworben, so dass wirklich Leute kommen, denn ich bin auch schon früher in Floridsdorf spazieren gegangen, auch die Brünnerstraße entlang, das ist schwierig: Beim zweiten Termin, den ich angesetzt hatte, kam niemand mehr. Ich war dann positiv überrascht, dass beide Jane's Walks in Floridsdorf gut besucht waren, es ist eben auch gut beworben auf der Homepage. Es gibt auch andere Gegenden hier draußen, durch die ich gern einmal gehen würde, z.B. eine sehr spannende 50-er-Jahre-Siedlung, ein paar Meter von hier entfernt, wo ich mir denke: Wenn wir über Einfach-Bauen reden, dann muss man sich das anschauen, muss man das kennenlernen. So unaufgeregt, auch auf Grund der ökonomisch prekären Lage dieser Zeit entstanden, von der Qualität der Räume und der Häuser, wirklich großartig. Und es ist ein guter Vergleichspunkt für alles was nachher gekommen ist, direkt gegenüber dann die Siedlungen, wo es nur noch um Parkplätze für Autos ging in der Freiraumgestaltung. Da möchte ich gerne mit einem interessierten Publikum zu Fuß durch gehen. Aber wie gesagt, das ist immer so eine Sache: es ist wirklich schwierig Leute hier nach Floridsdorf zu bekommen. Da ist es gut einen Transporter zu haben, wo ich mich draufsetzen kann, wie die Jane's Walks.


    TH: Jane’s Walk, der ja auf Jane Jacobs zurückgeht, die dieser Praxis der Stadtbeobachtung durch das gemeinsame Spazierengehen ihren Namen gegeben hat. Darf das jeder machen –  oder: Was sind die Maximen? 

    UH: Bei der Walk21-Konferenz in Wien habe ich Denise Pinto getroffen, quasi die Cheforganisatorin der weltweiten Jane's Walks. Die hat eigentlich eher dazu geraten Walks nicht selber zu leiten, sondern andere BewohnerInnen und NutzerInnen zu finden, die das machen könnten. Ich habe leider für die Brünner Straße niemanden gefunden und hab es dann halt doch selbst gemacht. Aber die Idee ist nicht die große, weise Erklärerin zu sein, die die Wunderstraße herzeigt. Sondern Menschen zu finden, die hier wohnen und ihr Grätzel, ihre Lebensumgebung herzeigen. Eine Idee wäre auch, öfter zu gehen und sich gegenseitig das Grätzel zu zeigen, in dem man lebt, und darüber ins Gespräch zu kommen. Was ich auch wirklich sehr mag und sehr charmant finde: Dass es nicht den Druck gibt, etwas schlecht oder gut finden zu müssen oder zu einem Ergebnis kommen zu müssen, was hier alles anders werden kann. Sondern sich das mit einer gewissen Gelassenheit anzusehen, Dinge zu sehen, die man noch nicht gesehen hat, obwohl man da schon hundertmal durchgegangen ist. Das kann jeder machen und ich glaube, es ist nicht einmal notwendig, an dem Ort zu wohnen; es ist einfach ein Raum, den man benutzt oder an dem man interessiert ist.

    TH: Dass Beteiligte über ihre Nachbarschaft erzählen und führen?

    UH: Genau. Bei dem ersten Walk –  du warst ja beim zweiten? –  hatte ich einen Super-Experten mit dabei, der alles, absolut alles, über die Geschichte Floridsdorfs weiß. Das hat sich durchaus als Bumerang erwiesen. Einerseits war es ziemlich spannend, so viele Dinge zu erfahren, auf der anderen Seite kippt das dann, wenn alle warten, was er an der nächsten Ecke erzählt. Das war auch nicht zu stoppen, wir waren über vier Stunden unterwegs und die Leute waren am Ende wirklich erschöpft. Dieses Gespräch, um das es eigentlich geht, dass man miteinander redet, dass immer zwei Leute sich im Gehen gegenseitig was erzählen, nicht alle dem einen Wissenden zuhören, das ging verloren. Es war dann eher eine klassische Führung, wo man etwas gezeigt bekommt. Und so sollte es eigentlich nicht sein.


    TH: Du hast schon Kanada erwähnt, wo dieses Netzwerk gegründet wurde und wir spazieren in Wien und eine Freundin von mir hat beim Jane’s Walk in Barcelona teilgenommen –  also ist es eine sehr weit verbreitete Praxis?

    UH: Ja, ich glaube, es gibt auch Veranstaltungen über das Jane’s-Walk-Netzwerk und nicht ausschließlich Spaziergänge, aber im Wesentlichen ist es eine Home-Page, wo man seinen Walk eintragen kann. Das finde ich aber super, weil es quasi eine „Brand“ ist. Leute kennen zunehmend die Idee, um was es geht - und wie gesagt: Ich finde es einen Super-Transporter, um Menschen zu erreichen, die mitgehen wollen. Hier draußen ist tatsächlich das Problem: Wie komme ich an die Leute heran, die hier wohnen? Es waren schon auch Floridsdorfer da, bei diesen Spaziergängen, aber nicht viele. In der Mehrheit waren es Leute, die sich für Stadt oder Stadtplanung interessieren, die aber nicht hier wohnen. Toll wäre, wenn man wirklich mit den Menschen spazieren gehen könnte, die entlang der Brünner-Straße oder in dem Grätzel wohnen.


    TH: Dahinter steckt oft ja auch ein politischer Wille, was zu ändern. War das Anliegen von dir auch politisch? Dass sich vielleicht auch Communities bilden, die bestimmte Interessen vertreten? 

    UH: Ja, natürlich. Man bleibt nicht stecken und denkt: So, jetzt sind wir spazieren gegangen und dann gehen alle nach Hause und nichts hat sich geändert. Trotzdem finde ich es gut, wie beim öffentlichen Breakfast, ein harmloses Mittel zu haben – jetzt nicht als Fliegenfängerei –, sondern ohne ein Druckmittel beim Betrachten des Raumes. Ich glaube, dass es wirklich die Beschäftigung mit dem Raum erleichtert, wenn man nicht ununterbrochen auf der Suche nach Fehlern oder Dingen sein muss, die ganz schnell anders werden sollen. Das birgt auch die Gefahr, zu sagen: Ja, jetzt hat man den Fehler gefunden! Aha, und verändert das und kommt dann darauf: Eigentlich ist nichts besser geworden, denn irgendein Problem, das man nicht in den Blick gekriegt hat, ist immer noch da. 


    TH: Und das sind dann auch eigentlich ehrenamtliche Sachen: diese Urbanen Strategien - sagen wir einmal so –  eben zusammen ein Breakfast und Jane’s Walk …
    Die „Permanent Breakfast Grenzauflösungstour“, die wir gemacht haben, als Tschechien, Ungarn und die Slowakei zur EU gekommen sind, da haben wir – an einem tschechischen, einem österreichischen, einem tschechischen, einem österreichischen Ort – im Zick-Zack-System gefrühstückt; dafür gab es Förderungen. Die waren nicht wahnsinnig toll, haben im Wesentlichen nur sichergestellt, dass wir die Semmeln kaufen konnten und das Benzin, um dorthin zu fahren. Bezahlung würde ich das nicht nennen wollen; aber ja, dafür gab es Förderungen. Es war natürlich auch Aufwand diesen Antrag zu schreiben, der Antrag für Ungarn ist abgelehnt worden – wir hatten dort schon mit den Bürgermeistern alles vereinbart gehabt: Wir kommen! Ja, und was machen wir jetzt? Fährt man nicht hin, weil man das Geld nicht bekommen hat? Ja, diese Dinge sind ehrenamtlich, auch wenn ich jetzt am 29. November zu diesem Arbeitskreis gehen werde, wo es um die Frage geht, was im öffentlichen Raum, in der Umgebung passieren kann, ist das natürlich auch unbezahlt. Ad hoc ist das nicht so ärgerlich, weil ich ja auch eine Bezirksbewohnerin wie alle anderen bin und Wünsche und Interessen habe, was passieren soll. Was ich aber schon ärgerlich fände: Wenn das der Endpunkt der Dinge ist und niemand – also nicht ich persönlich, sondern niemand – einen Auftrag bekommt, zu einem Standort zu arbeiten. Da bin ich mittlerweile wirklich allergisch auf diese Studentenprojekte, die in den Bezirken besonders beliebt sind – was mich nicht wundert. Die Studenten kriegen irgendeine Aufgabe auf der TU, sind dann drei Wochen da und das wird dann präsentiert und vom Bezirk gefeiert, als ob das etwas ganz Großartiges wäre. Ich habe mir einmal diese Arbeiten bei der Ergebnispräsentation angeschaut, letztes oder vorletztes Jahr, die zu diesem Einkaufszentrum waren und bin, ehrlich gesagt, ein bisschen verfallen: Jetzt feiert man das und es wird nichts davon, absolut nichts davon jemals kommen. Da sind Dinge dabei, die schon vor zwanzig Jahren genauso diskutiert wurden und nichts ist passiert. Wenn man das eine Zeit lang beobachtet, kann man es eigentlich nur noch Verarschung nennen. Einerseits der Studenten, denen da vorgeführt wird, was sie für einen wertvollen Beitrag leisten, und irgendwann lernen sie, dass das nicht so ist und dass die KollegInnen der nächsten Generation mit dem gleichen Enthusiasmus die gleichen Ideen wieder produzieren, die wieder im Papierkorb landen werden. Aber auch gegenüber den Leuten, die hier wohnen, denen man vorgaukelt, es würde jetzt etwas passieren und in Wirklichkeit passiert nichts. Das macht mich mittlerweile auch böse, ehrenamtliches Engagement auf der einen Seite, finde ich okay, aber das auf eine Art und Weise auszunutzen, propagandistisch, die nur kaschiert, dass nichts passiert, das ist noch einmal eine andere Qualität, die ich furchtbar finde.

    TH: Während deines Studiums … also man kriegt ja in der Architektur-Theorie immer diese Stars aus der Architekturgeschichte vorgesetzt … Waren da schon Frauen dabei? 

    UH: Wir haben das damals selbst gemacht, diese Veranstaltung, das ist schon so lange her, weiß nicht mehr genau, wen wir da allen eingeladen haben, Philosophinnen und Architektinnen, acht Frauen. Das war eine der ersten Vortragsgeschichten, die wir organisiert haben, die überhaupt auf der Fachschaft organisiert wurde. Woran ich mich erinnere, dass wir die Elsa Prohaska eingeladen hatten zum Vortrag. Und die hatte zwar schon gebaut, war aber noch keine Architektin, Ziviltechnikerin, Kammermitglied... Und irgendwann ist die Inge Manka gekommen, die das maßgeblich mit organisiert hat, und hat gesagt: Jetzt hat die Architektenkammer angerufen, die haben sie total niedergebügelt inklusive Klagsandrohung, weil wir die Elsa Prohaska mit einem Arch. davor auf das Plakat geschrieben hatten - und sie das damals eben noch nicht war. Da waren wir erstmal sprachlos. Also man hat uns nicht einfach gesagt, dass wir das nicht mehr machen sollen, man hat uns als Veranstalterinnen deswegen mit einer Klage gedroht seitens der Kammer.

    Wir haben das neulich bei einem Mentoring-Abend in der Kammer mal mit Nina Krämer-Pölkhofer besprochen, dass die Kammer das wohl zum Glück nicht mehr so macht, dass sie Menschen mit Drohungen nachstellt, die den Titel Architekt oder Architektin unbefugt verwenden. Das kann man jetzt vielleicht auch als Nachlässigkeit einer Interessensvertretung verstehen, aber ich persönlich bin schon ganz froh, dass wir jetzt keine jungen Menschen mehr erschrecken, auf diese Weise abschrecken. Ich weiß auch nicht, ob ich so gerne Mitglied einer Kammer gewesen wäre, die so etwas macht, dann also quasi in meinem Namen so verfährt. Ich höre auch oft, dass sich das Klima diesbezüglich erst in jüngster Zeit schon verbessert haben soll. Vielleicht ist das ja jetzt auch erst der Zeitpunkt, wo ich es für mich überhaupt verantworten kann, Mitglied in diesem Club zu sein.

     

    Ursula Hofbauer ist Künstlerin und Architektin in Wien, hat in verschiedenen Kunst- und Ausstellungsprojekten im und mit dem öffentlichen Raum gearbeitet, unter anderem mit der israelisch/palästinensischen Künster/innengruppe Parrhesia mit dreisprachigen Graffiti rund um den Gaußplatz; „Strange Views“, Ausstellung zu den Völkerschauen im Wiener Prater mit Bodenbeschriftung; „Permanent Breakfast“, das immerwährende Frühstück im öffentlichen Raum; Weinverkostung mit Obdachlosen unter der Schwedenbrücke; mehrere Kunstprojekte mit Flüchtlingen im Mumok und in der Secession; Vorträge, Publikationen und Stadtspaziergänge zu „Permanent Breakfast“, Gender und öffentlichem Raum und Wiener Wahrzeichen. Widmet sich Fragen des öffentlichen Raums, seiner demokratischen Nutzung und Aneignung und der daraus resultierenden Gestaltung.

    Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
    Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

    Theresa Häfele_Wien_ 2017