• Theresa Häfele im Gespräch mit Gabu Heindl über das gesellschaftspolitische Moment in der Architektur.

    TH: Wie bist du zur Architektur gekommen?

    GH: Bei mir war Architektur die erste Wahl. Ich hätte Mathe studieren können oder Kunst und habe mir gedacht, die beste Kombination von beidem ist Architektur, das ist mathematische Kunst oder technische Form des Zeichnens. Motiviert wurde ich durch einen Zeichenlehrer, der auch Kontakte hatte zur Akademie und zur Angewandten. Als ich sah, was da an Fächern angeboten wurde, war mir bald klar, dass ich nicht Kunst machen wollte, sondern Architektur. Wahrscheinlich hat mich immer schon das Praktische daran fasziniert bzw. das Bauen, also die Alltagsrelevanz der Architektur, im Gegensatz zur elitären Position der Kunst.

    TH: Du baust, schreibst Texte, machst auch Filme und Ausstellungen. Siehst du das alles als gleichwertig?

    GH: Ja, eigentlich schon. Ein guter Text hat genauso räumliche Struktur, Argument, Ausarbeitung und Detaillierung wie ein gutes Gebäude. Es ist aber anders in der Methodik, in den Mitteln und im Zeitablauf etc. Ein großer Unterschied besteht darin, dass man Texte allein schreiben kann, Architektur hingegen nichts ist, das man allein macht, und das ist auch gut so. Sie ist eine kollektive Tätigkeit; dementsprechend beinhaltet sie ganz andere Kommunikationsformen. Dennoch würde ich beides vom Anspruch her ähnlich sehen.

    TH: Bezüglich Frauen in der Architektur: Gibt oder gab es für dich so eine Art Role Model oder Vorbildfigur?

    GH: Ja, ein Role Model ist für mich Margarete Schütte-Lihotzky. Ich hatte das unglaubliche Glück, als ihre Untermieterin neben ihr zu wohnen und sie in ihrem hohen Alter gut kennenzulernen. Wir waren Freundinnen. Ich glaube, dass ich schon davor gesellschaftspolitisch interessiert war - Grete hat sich ja auch ausgesucht, wer neben ihr wohnt. Sie hat mich aber sicher noch darin bestärkt, Architektur und Politik zusammenzudenken; und gerade nicht das, was man als Zivilperson gut fände, davon zu trennen, wie man in der Architektur agiert. Also sich nicht spalten in das eine oder andere, sondern die gesellschaftspolitischen Fragen als immer präsente zu verstehen, von denen sich viele im Bauen, im Planen, in der Vermittlung von Architektur zeigen.

    TH: Wie steht es um die politische Haltung in deinem Beruf?

    Ist es spürbar, dass Bauen auch Politik bedeutet? Gerade, wenn es um den öffentlichen Raum geht, Themen wie: Raum einnehmen und Raum gestalten, aber auch wenn es um leistbaren Wohnraum geht ...

    GH: Ich glaube, dass es zur Zeit sehr deutlich ist, wie stark sich eine Ökonomisierung des Alltags auf den öffentlichen Raum, auf das Gebaute, auf die Stadtplanung schlägt. Im Moment ist der gebaute Raum das, was man früher das Sparbuch genannt hätte. In Zeiten vielfacher Krisen ist für diejenigen, die aus diesen Krisen als Gewinner hervorgehen, wichtig, ihr Kapital anzulegen – und das vor allem dort, wo wir als Architektinnen tätig sind. Insofern ist es für Architektur und Stadtplanung extrem relevant, in einem größeren Kontext Alternativen aufzuzeigen gegen die Neoliberalisierung, gegen den Ausverkauf von öffentlichem Raum, überhaupt gegen Ungleichverteilung. Ungerechte Verteilung passiert eben stark über Raum. Und insofern will ich gar nicht verstehen, warum jemand unseren Beruf als einen beschreiben würde, der bei all dem nicht mit-tätig, "mitschuldig" oder  zumindest nicht unschuldig ist.

    TH: War dir von Anfang des Studiums an der gesellschaftspolitische Fokus schon bewusst?

    GH: Nein, wer würde denn als 18-Jährige sagen: Ich muss Architektur studieren, weil ich politisch etwas ändern möchte? Ich denke, dass es möglicherweise derzeit eine verschärfte Situation gibt, eben durch die Umsetzung von Akkumulationsgewinnen in gebaute Umwelt. Ich beziehe mich dabei auf Leute wie David Harvey, die beschreiben, wie sehr sich das im Städtebau äußert. Mich interessiert ein kritischer, nicht nur offener, sondern nachgerade linker Blick auf Architektur und Stadtplanung, aber auch zu erkennen, dass Architektur teilweise wiederum keine Relevanz hat. Eine umfassendere politische Mitgestaltung ist uns ArchitektInnen ja genommen, oder, besser: Wir haben sie uns aus der Hand nehmen lassen. Man muss schon Interesse haben, zu verstehen, was die politischen Implikationen sind, warum die gebaute Umwelt so aussieht wie sie aussieht, um entweder nicht mitzumachen oder um Alternativen vorschlagen zu können, jedenfalls zu wissen, was man macht.

    TH: Du unterrichtest auch auf der Universität, wie nimmst du die Haltung unter den StudentInnen wahr?

    GH: Ich nehme wahr, dass es ein totales Interesse daran gibt. Das hat vielleicht auch mit meinen Lehrveranstaltungen zu tun, die sich explizit mit Fragen von Macht in Bezug auf Raumproduktion auseinandersetzen. Ich könnte jetzt nicht beurteilen, ob da mehr oder weniger davon notwendig wäre. Sicher ist: Die Universitäten haben sich in ihrer Verschulung stark dorthin entwickelt, zu fragen wie Probleme oder Aufgabenstellungen zu lösen sind. Und es geht weniger um die Frage: Warum eigentlich? Für wen wird geplant? Was sind die grundsätzlichen Fragestellungen? Das versuche ich meinen Studierenden mitzugeben, dass sie neben dem "Wie" der Lösung nicht vergessen zu fragen: „Was“ und „Warum eigentlich“.

    TH: Hast du den Anspruch, Positionen von Frauen in die Lehre mitaufzunehmen? Bzw. passiert das?

    GH: Es sind nach wie vor zu wenig Frauen in der Lehre! Ich habe auch den Anspruch, soweit es mir gelingt, keine rein männliche architektonische Geschichtsschreibung zu machen. Das ist schwierig, weil ich merke, dass viele meiner Referenzen auf Grund von hegemonialen Strukturen logischerweise kluge Männer sind. Wir wissen, dass die Geschichte sich immer stärker mit Männern und deren Positionen, auseinandergesetzt hat. Vor kurzem habe ich einen Vortrag der Architekturhistorikerin Hilde Heynen gehört, und mir ist am Ende aufgefallen, dass sie ausschließlich Frauen zitiert hat. Das war großartig, auch weil es überhaupt nicht offensichtlich war und doch irgendwann klar geworden ist: ein spannender Vortrag mit durchgängig ungewöhnlichen Referenzen – eben nicht männlich und nicht Mainstream-Positionen. Das fand ich super. Es muss jetzt nicht sein, das zu 100% zu machen, aber ich glaube, dass es in aller unserer Verantwortung liegt, einer hegemonialen Geschichtsschreibung entgegenzuarbeiten oder das ein Stück weit gutzumachen, was bislang immer weitergeschrieben wird.

    TH: Das manifestiert sich ja dann.

    GH: Ja, es multipliziert sich und potenziert sich.

    T: Ist dir das „nicht offensichtlich” wichtig? Es gibt ja Veranstaltungen, die speziell einen frauenpezifischen Schwerpunkt setzen, wo der Fokus eben ausschließlich auf Frauen gelegt ist.

    GH: Das ist eine gute Frage. Mein Hauptthema ist nicht „Gender Politics“ oder „Frauen in der Architektur“, auch deswegen nicht, weil ich Feminismus grundsätzlich verstehe. Logischerweise bin ich Feministin, verstehe es aber als eine klare Forderung, die Welt weder zu sehen noch zu gestalten unter Ausschluss von: sei es von Minderheiten oder der Hälfte der Menschheit. Mich stören Veranstaltungen, Diskussionen, Rezeptionen von Architektur, wo ausschließlich Männer sprechen oder ausschließlich weiße AkademikerInnen oder aus jeweils entsprechenden Mehrheitsverhältnissen. Es kann nicht sein, dass man über die Frage „Wem gehört die Stadt?“ diskutiert und nur weiße Männer am Podium sind. Ich kann nur Feministin sein, wenn ich ein grundsätzliches Verständnis davon habe, dass es darum geht, sich für jede Form von ausgeschlossener Minderheit einzusetzen.

    TH: Du leitest ein Büro, wie ist da die Aufteilung Männer /Frauen? Ist das für dich ein Thema?

    GH: Im Moment sind wir nur Frauen. Es ergibt sich aus der Erfahrung heraus, dass ich gut und gerne mit Frauen arbeite. Aber es hat schon Momente gegeben, wo im Team zwei Drittel Männer waren über längere Zeit. Es ist in der Tat kein großes Kriterium, allerdings geht es mir schon darum, junge Frauen zu unterstützen. In Büros wie meinem hat frau gute Chancen, tatsächlich unmittelbar in Projekte einzusteigen.


    TH:  In vielen Büros ist es dann doch eher männerlastig ...

    GH: Es stellt sich da immer die Frage: Wer ist Teil des Teams? Mit wem möcht' ich kooperieren? Wer sind die GesprächspartnerInnnen? Was sind die Referenzen? Das sind alles relevante Fragen in einer – das kann man nicht anders sagen – nach wie vor männlich strukturierten Architekturgesellschaft. Vielleicht erwarten sich Büros Vorteile dadurch, dass sie junge Männer statt junge Frauen auf Baustellen schicken. Ich finde es auch immer amüsant, wenn Bauherren, die es auch öfter gibt als Baufrauen, „meine Damen“ schreiben, sie sind kurz verblüfft, dass es nicht um die übliche Anrede meine „Damen und Herren“ geht, ich glaube, das taugt ihnen dann auch.

    TH: Wie schaffst du es, ein Büro zu leiten, auf der Uni zu unterrichten, Texte zu schreiben etc.?

    GH: Ich habe eine Siebentagewoche – was schon auch anstrengend ist. Im Büro selbst habe ich aber in den letzten Jahren eine Viertagewoche eingeführt, das kriegen wir jetzt zwar nicht immer, aber meistens ganz gut hin. Als ich in Holland war, haben das viele bis heute weltbekannte Büros so gehandhabt – und das wird immer wieder als generelles Zukunftsmodell diskutiert. Montag bis Donnerstag arbeiten wir länger, manchmal ist der freie Freitag nicht möglich, weil es dann doch Termine oder Fertigstellungen gibt. Aber Zeit zu haben, um konzentriert einen Text zu schreiben, um zu lesen und zu recherchieren, ein Konzept weiterzuentwickeln, einen Entwurf zu überdenken, ist im Büroalltag oft nicht so leicht. Ich glaube, man muss Formen und Freiräume finden, wie man die einzelnen Tätigkeiten zueinander produktiv macht.

    TH: Arbeitet ihr sehr flexibel, du und deine Mitarbeiter, auch wenn ihr ein anderes Zeitmodell habt?

    GH: Nein, ich glaube, eine formale Setzung ist schon wichtig. Wir fangen immer zu ähnlicher Zeit an, meist sind es schon acht bis neuen Stunden, die wir sehr konsequent, ruhig und konzentriert arbeiten. Mit einem total flexiblen System habe ich nicht so gute Erfahrungen. Ich mag so gewissen Formsetzungen schon, weil sie dann doch das gemeinsame Arbeiten leichter machen, und manchmal sind Formalisierungen dazu da, um auch wieder Freiräume zu schaffen.

    TH: Gab es auch die Überlegung, das Büro mit einem Partner oder einer Partnerin zu führen?

    Ich habe ganz am Anfang zwei Partner gehabt. Ich habe mich in Holland selbstständig gemacht, da hatte ich eine Partnerin. Wir wollten damals, als ich nach Wien zurückgegangen bin, das Büro international weiterführen. Sie ist aber dann „fremdgegangen“ (lacht) und hat sich einen holländischen Partner gesucht und ja ... Ich habe die wahrscheinlich Partner-entscheidenden Jahre nicht in Wien verbracht, da ich ja drei Jahre in Amerika und drei Jahre in Holland war und erst dann zurückgekommen bin. Das sind ja oft die Jahre, in denen sich Teams bilden.

    Ich finde es sehr produktiv, themenbezogen Partnerschaften einzugehen, mal mit KünstlerInnen, mal mit ArchitekturkollegInnen, mit anderen Disziplinen oder transdisziplinär zu arbeiten. Das Alleine-Führen des Büros hat Nachteile, aber auch Vorteile: Es kann schon echt kompromisslos sein in der Themenwahl, in der Projektwahl, in der Gestaltung dessen, womit wir uns beschäftigen, das ist eigentlich ganz gut. Aber klar, in Zukunft wird es schon auch wieder eine Partnerin geben, ein Partner ist aber auch nicht ausgeschlossen.

    TH: Wie wichtig sind dir Netzwerke? Du hast viele ProjektpartnerInnen, die auch in anderen Disziplinen tätig sind. Wie vernetzt du dich bei größeren Aufträgen, wo man auch Partnerschaften bildet?

    GH: Die Netzwerkbildung läuft eigentlich vor allem über inhaltliche Zusammenarbeit. Ich bin eine intensive Teilnehmerin am öffentlichen Diskursleben, gehe gern zu Vorträgen, organisiere sie auch gern, ebenso Diskussionen; ich mag das lieber als nur Biertrinken zu gehen, treffe dort Leute und führe interessante Gespräche. Grundsätzlich mache ich lieber nicht zu viele Projekte und bin dafür daran selbst intensiv mitbeteiligt. Also das Modell, ein großes Büro aufzuziehen, mit fünf Unterorganisationen, das sehe ich eigentlich nicht. Ich schätze es sehr, dass es in Österreich, auch in Mitteleuropa, noch eine Baukultur gibt, die es möglich macht, dass sehr viele kleinere Büros tätig sind, die unterschiedliche, große und kleine, Projekte machen können, dass es nicht per se abhängt vom Umsatz oder der Größe des Büros, aber leider geht die Entwicklung in eine andere Richtung. Wir müssen daher diese Qualität verteidigen. Es ist übrigens auch eine Qualität für die Bauherren, dass sie eben wissen, wenn sie mit mir was planen und bauen, dann bin ich als Büroinhaberin genauso beteiligt, wie das Team, das daran arbeitet. Bei größeren Projekten tut man sich halt zusammen, wenn die Bürostrukturen größer sein müssen, aber ich hoffe sehr, dass diese spezifische baukulturelle Bürolandschaft zu halten ist.

    Ich war ja auch längere Zeit im Architekturbeirat von der BIG, der Bundesimmobiliengesellschaft, und fand es großartig, wie der damalige Leiter in einem Vortrag über die letzten fünfzig öffentlichen BIG Schulwettbewerbe gezeigt hat, dass 47 davon jeweils von einem anderen Büro gewonnen wurden und das heißt, wahrscheinlich um die dreißig oder vierzig Projekte von einem Büro, das noch nie eine Schule gemacht hat. Das ist großartig: Der öffentliche Auftraggeber, dessen Schullandschaft eine heterogene ist, beschäftigt eben gerade nicht nur das große, spezialisierte Büro, das alle diese heterogenen Projekte runterklopft. Das finde ich gut und schön, wenn mit einem gewissen Selbstbewusstsein die kleineren, vielleicht dafür auch flexibleren, jedenfalls intensiveren Strukturen wertgeschätzt werden und es auch klar artikuliert wird, was für einen Wert sie schaffen.

    TH: Thema: Frauen & Arbeit. In den 20-er Jahren befand sich die Gesellschaft in einem krassen Umbruch. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Und man kennt ja das Bild der Trümmerfrauen 1945 ... Nach dem Krieg kommen die Männer zurück und wollen ihre Arbeitsplätze und ihre Hausfrauen wieder. Erwerbstätigkeit war immer auch politisch, Unabhängigkeit durch eigenen Lohn. Die Industrialisierung, die Erwerbsarbeit für Frauen im großen Stil möglich machte. Fragen nach Erwerbstätigkeit und wer ist für Familie und Kinder zuständig, beschäftigen uns in diesem Zusammenhang schon ein ganzes Jahrhundert! Wie sieht es heute damit aus, wo stehen wir?

    GH: Du meinst, dass es heute eher um Lifestyle oder um Fragen der Selbstverwirklichung geht? Die Frage für mich ist, wie Feminismus verknüpft wird mit Klassenfragen, mit Migrationsfragen, mit grundsätzlichen Ungerechtigkeitsthemen, mit Ungleichverteilung: Denn wenn diese Fragen nicht im Feminismus eingebettet ist, geht es zu schnell darum, ob ich mich verwirklichen kann als Frau. Das ist selbstverständlich auch relevant, aber es geht eben nicht nur um mich in der eigenen Community oder um die eigene Peer Group, sondern um eine Form von Allianz für einen größeren öffentlichen Kampf, der gemeinsam artikuliert wird. Das bringt uns automatisch über die eigenen Interessen hinaus. Wo sind strukturelle Ungerechtigkeiten oder strukturelle Formen von Diskriminierung? Das bringt dann vielleicht auch meine eigene Position wieder in ein klärendes Licht: OK, meine Position als Architektin ist nicht die schlimmste, nicht die prekärste. Sie ist prekär innerhalb des Feldes (daher ist das Gendering im Namen der Kammer ein großer repräsentativer Schritt!), aber erst die Allianz mit anderen, oft schärferen Diskriminierungen größeren Maßes und existenziellen Schwierigkeiten, bringt Politik ins Spiel. Letztlich ist ja auch Architektur nie ein Fach, wo es darum geht, eigene Vorlieben umzusetzen; da wäre ich ja falsch besetzt als Architektin. Ich zwinge niemandem blaue Möbel auf, weil ich gerade in einer blauen Phase bin. Eine ästhetische Haltung ist natürlich essenziell in der Architektur, aber nicht eine künstlerische Persönlichkeit, die sich verwirklichen muss.

    TH: Warum verdienen Männer mehr? Oft ist es ja auch so, der Mann arbeitet, weil er mehr verdient.

    GH: Ja, warum sollte die Stunde des Mannes wertvoller sein als eine Stunde der Frau?

    Beide arbeiten eine gleiche Stunde ihres Lebens. Diese Frage ist natürlich eine total politische Frage, die aber sofort auch weitergedacht werden muss: Warum haben Geflüchtete nicht den selben Anspruch in der Entlohnung, auf Arbeit überhaupt? Auf dieselbe Form von Arbeitslosenversicherung? Es gibt Zuschreibungen von Rechten und Pflichten, die total unterschiedlich sind und eben nicht jeden Menschen gleich behandeln. Bei Frauen betrifft das sozusagen wirklich die Hälfte der Menschheit.

    Ich freue mich über ein Projekt wie deines, weil es viel zu wenige davon gibt, viel zu wenig wirklich selbstbewusstes Fragen, warum es selbst in einem Beruf wie dem unseren – in der Architektur, Stadtplanung usw., der sich selbst als intellektueller Beruf versteht, als sensibler – ja warum es auch da, vielleicht noch mehr als in anderen Berufen, so unterschiedliche Bewertungsformen gibt, strukturelle Ungleichheiten, Bündnisse, machtvolle Auftrags- und Vergabestrukturen; insofern ist es gut, auch genau in der Architektur hinzuschauen.

    TH: Zum Thema Role Models: Hier könnte man ja einen positiven Hebel ansetzen. Wenn man als junge Frau sieht, dass Frauen in jedem Bereich der Gesellschaft vertreten sind und auch in den oberen Etagen mitbestimmen zum Beispiel auf den Unis als Professorinnen, dann wäre es ja für die nächste Generation etwas Selbstverständliches ... also eine positive Sozialisierung.

    G.H.: Wo gibt es die ersten Role Models? Es ist nicht erklärbar – also es ist leider erklärbar, aber nicht zu akzeptieren – , dass an den Universitäten nach wie vor deutlich mehr Professoren als Professorinnen tätig sind; dass es nach wie vor Prüfungssituationen gibt, wo eine Mehrzahl von Studentinnen vor ausschließlich Männern ihre Projekte präsentieren. Man muss Quoten einführen, die letztlich nichts Anderes machen als Frauen die gleichen Chancen zu geben wie Männern: nämlich auch "on the job" zu lernen und sich weiter zu qualifizieren. Du wirst nur erfahrener, in dem du die Dinge auch machst. Sie zu machen, heißt auch die Chance zu kriegen, sie zu machen.

    Ja und insofern sind Rollenbilder total wichtig und ich wünsche auch jeder jungen Architektin eine ähnliche Erfahrung wie meine, also so jemand wie Schütte-Lihotzky kennenzulernen. Es muss ja nicht gleich eine Person mit einer so extremen Biographie sein, aber ich glaube, jede loyale Beziehung oder Freundschaft mit anderen Frauen, die man schätzt und umgekehrt, kann viel bringen.

    Der Alltag zeigt uns ja die ganze Zeit, dass es selbstverständlich darum geht, kooperativ zu sein. Sich als Feministin zu verstehen heißt ja nicht notwendigerweise jetzt eine Kampftruppe zu organisieren, die solange trommelt, bis – auf den Cent – das gleiche Gehalt für alle erreicht ist. Wäre schön, wenn es die auch gibt, hätte ich nichts dagegen – aber es heißt ja sicherlich auch, sich in Arbeitszusammenhängen zu verstehen, die eben mit weniger dominanten Strukturen zu tun haben, die grundsätzlicher mit Freundschaft als Möglichkeit zu tun haben, mit Formen von Kollegialität und Solidarität. Es ist kein Zufall, dass sich Schütte-Lihotzky nach dem Zweiten Weltkrieg in internationalen Frauenbewegungen stark gemacht hat. Sie hat gemerkt, wie sehr ihre eigenen Möglichkeiten, aber auch Nicht-Möglichkeiten nach wie vor in starkem Gegensatz zu einer globalen Verteilungsgerechtigkeit und globalen Frauenrechten stehen, und das hat sie dann explizit gemacht. Da müsste man, finde ich, noch genauer hinschauen, warum diese erfolgreiche und bekannte – jedoch im Kalten Krieg boykottierte –  Architektin sich dafür entscheidet, sich als starke Fürsprecherin in globale Frauenrechtsthematiken einzubringen.

    Gabu Heindl ist Architektin und Stadtforscherin in Wien. Mit ihrem Büro GABU Heindl Architektur baut sie öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen, plant an Gestaltungsleitlinien für den Donaukanal Wien und konzipiert Projekte zu Fragen von gerechter Stadt, Verdichtung des städtischen Umfelds oder Umbau im Bestand. Sie absolvierte das Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, an der Geidai University in Tokyo und der Princeton University, USA. Von 2001 bis 2003 als Architektin in New York und Amsterdam tätig. Lehrte an der Technischen Universität Graz, der TU Delft, am Berlage Institute in Rotterdam und an der Princeton University. Seit 2007 Lehrtätigkeit am Institut für Kunst und Architektur, Akademie der Bildenden Künste in Wien. Seit 2009 Vorstandsmitglied der ÖGFA, seit 2013 Vorsitzende der Österreichische Gesellschaft für Architektur, Wien.

    Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
    Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

    Theresa Häfele_Wien_ 2017

    Interview Gabu Heindl     - über das soziopolitische Moment in der Architektur

    info

    Theresa Häfele im Gespräch mit Gabu Heindl über das gesellschaftspolitische Moment in der Architektur.

    TH: Wie bist du zur Architektur gekommen?

    GH: Bei mir war Architektur die erste Wahl. Ich hätte Mathe studieren können oder Kunst und habe mir gedacht, die beste Kombination von beidem ist Architektur, das ist mathematische Kunst oder technische Form des Zeichnens. Motiviert wurde ich durch einen Zeichenlehrer, der auch Kontakte hatte zur Akademie und zur Angewandten. Als ich sah, was da an Fächern angeboten wurde, war mir bald klar, dass ich nicht Kunst machen wollte, sondern Architektur. Wahrscheinlich hat mich immer schon das Praktische daran fasziniert bzw. das Bauen, also die Alltagsrelevanz der Architektur, im Gegensatz zur elitären Position der Kunst.

    TH: Du baust, schreibst Texte, machst auch Filme und Ausstellungen. Siehst du das alles als gleichwertig?

    GH: Ja, eigentlich schon. Ein guter Text hat genauso räumliche Struktur, Argument, Ausarbeitung und Detaillierung wie ein gutes Gebäude. Es ist aber anders in der Methodik, in den Mitteln und im Zeitablauf etc. Ein großer Unterschied besteht darin, dass man Texte allein schreiben kann, Architektur hingegen nichts ist, das man allein macht, und das ist auch gut so. Sie ist eine kollektive Tätigkeit; dementsprechend beinhaltet sie ganz andere Kommunikationsformen. Dennoch würde ich beides vom Anspruch her ähnlich sehen.

    TH: Bezüglich Frauen in der Architektur: Gibt oder gab es für dich so eine Art Role Model oder Vorbildfigur?

    GH: Ja, ein Role Model ist für mich Margarete Schütte-Lihotzky. Ich hatte das unglaubliche Glück, als ihre Untermieterin neben ihr zu wohnen und sie in ihrem hohen Alter gut kennenzulernen. Wir waren Freundinnen. Ich glaube, dass ich schon davor gesellschaftspolitisch interessiert war - Grete hat sich ja auch ausgesucht, wer neben ihr wohnt. Sie hat mich aber sicher noch darin bestärkt, Architektur und Politik zusammenzudenken; und gerade nicht das, was man als Zivilperson gut fände, davon zu trennen, wie man in der Architektur agiert. Also sich nicht spalten in das eine oder andere, sondern die gesellschaftspolitischen Fragen als immer präsente zu verstehen, von denen sich viele im Bauen, im Planen, in der Vermittlung von Architektur zeigen.

    TH: Wie steht es um die politische Haltung in deinem Beruf?

    Ist es spürbar, dass Bauen auch Politik bedeutet? Gerade, wenn es um den öffentlichen Raum geht, Themen wie: Raum einnehmen und Raum gestalten, aber auch wenn es um leistbaren Wohnraum geht ...

    GH: Ich glaube, dass es zur Zeit sehr deutlich ist, wie stark sich eine Ökonomisierung des Alltags auf den öffentlichen Raum, auf das Gebaute, auf die Stadtplanung schlägt. Im Moment ist der gebaute Raum das, was man früher das Sparbuch genannt hätte. In Zeiten vielfacher Krisen ist für diejenigen, die aus diesen Krisen als Gewinner hervorgehen, wichtig, ihr Kapital anzulegen – und das vor allem dort, wo wir als Architektinnen tätig sind. Insofern ist es für Architektur und Stadtplanung extrem relevant, in einem größeren Kontext Alternativen aufzuzeigen gegen die Neoliberalisierung, gegen den Ausverkauf von öffentlichem Raum, überhaupt gegen Ungleichverteilung. Ungerechte Verteilung passiert eben stark über Raum. Und insofern will ich gar nicht verstehen, warum jemand unseren Beruf als einen beschreiben würde, der bei all dem nicht mit-tätig, "mitschuldig" oder  zumindest nicht unschuldig ist.

    TH: War dir von Anfang des Studiums an der gesellschaftspolitische Fokus schon bewusst?

    GH: Nein, wer würde denn als 18-Jährige sagen: Ich muss Architektur studieren, weil ich politisch etwas ändern möchte? Ich denke, dass es möglicherweise derzeit eine verschärfte Situation gibt, eben durch die Umsetzung von Akkumulationsgewinnen in gebaute Umwelt. Ich beziehe mich dabei auf Leute wie David Harvey, die beschreiben, wie sehr sich das im Städtebau äußert. Mich interessiert ein kritischer, nicht nur offener, sondern nachgerade linker Blick auf Architektur und Stadtplanung, aber auch zu erkennen, dass Architektur teilweise wiederum keine Relevanz hat. Eine umfassendere politische Mitgestaltung ist uns ArchitektInnen ja genommen, oder, besser: Wir haben sie uns aus der Hand nehmen lassen. Man muss schon Interesse haben, zu verstehen, was die politischen Implikationen sind, warum die gebaute Umwelt so aussieht wie sie aussieht, um entweder nicht mitzumachen oder um Alternativen vorschlagen zu können, jedenfalls zu wissen, was man macht.

    TH: Du unterrichtest auch auf der Universität, wie nimmst du die Haltung unter den StudentInnen wahr?

    GH: Ich nehme wahr, dass es ein totales Interesse daran gibt. Das hat vielleicht auch mit meinen Lehrveranstaltungen zu tun, die sich explizit mit Fragen von Macht in Bezug auf Raumproduktion auseinandersetzen. Ich könnte jetzt nicht beurteilen, ob da mehr oder weniger davon notwendig wäre. Sicher ist: Die Universitäten haben sich in ihrer Verschulung stark dorthin entwickelt, zu fragen wie Probleme oder Aufgabenstellungen zu lösen sind. Und es geht weniger um die Frage: Warum eigentlich? Für wen wird geplant? Was sind die grundsätzlichen Fragestellungen? Das versuche ich meinen Studierenden mitzugeben, dass sie neben dem "Wie" der Lösung nicht vergessen zu fragen: „Was“ und „Warum eigentlich“.

    TH: Hast du den Anspruch, Positionen von Frauen in die Lehre mitaufzunehmen? Bzw. passiert das?

    GH: Es sind nach wie vor zu wenig Frauen in der Lehre! Ich habe auch den Anspruch, soweit es mir gelingt, keine rein männliche architektonische Geschichtsschreibung zu machen. Das ist schwierig, weil ich merke, dass viele meiner Referenzen auf Grund von hegemonialen Strukturen logischerweise kluge Männer sind. Wir wissen, dass die Geschichte sich immer stärker mit Männern und deren Positionen, auseinandergesetzt hat. Vor kurzem habe ich einen Vortrag der Architekturhistorikerin Hilde Heynen gehört, und mir ist am Ende aufgefallen, dass sie ausschließlich Frauen zitiert hat. Das war großartig, auch weil es überhaupt nicht offensichtlich war und doch irgendwann klar geworden ist: ein spannender Vortrag mit durchgängig ungewöhnlichen Referenzen – eben nicht männlich und nicht Mainstream-Positionen. Das fand ich super. Es muss jetzt nicht sein, das zu 100% zu machen, aber ich glaube, dass es in aller unserer Verantwortung liegt, einer hegemonialen Geschichtsschreibung entgegenzuarbeiten oder das ein Stück weit gutzumachen, was bislang immer weitergeschrieben wird.

    TH: Das manifestiert sich ja dann.

    GH: Ja, es multipliziert sich und potenziert sich.

    T: Ist dir das „nicht offensichtlich” wichtig? Es gibt ja Veranstaltungen, die speziell einen frauenpezifischen Schwerpunkt setzen, wo der Fokus eben ausschließlich auf Frauen gelegt ist.

    GH: Das ist eine gute Frage. Mein Hauptthema ist nicht „Gender Politics“ oder „Frauen in der Architektur“, auch deswegen nicht, weil ich Feminismus grundsätzlich verstehe. Logischerweise bin ich Feministin, verstehe es aber als eine klare Forderung, die Welt weder zu sehen noch zu gestalten unter Ausschluss von: sei es von Minderheiten oder der Hälfte der Menschheit. Mich stören Veranstaltungen, Diskussionen, Rezeptionen von Architektur, wo ausschließlich Männer sprechen oder ausschließlich weiße AkademikerInnen oder aus jeweils entsprechenden Mehrheitsverhältnissen. Es kann nicht sein, dass man über die Frage „Wem gehört die Stadt?“ diskutiert und nur weiße Männer am Podium sind. Ich kann nur Feministin sein, wenn ich ein grundsätzliches Verständnis davon habe, dass es darum geht, sich für jede Form von ausgeschlossener Minderheit einzusetzen.

    TH: Du leitest ein Büro, wie ist da die Aufteilung Männer /Frauen? Ist das für dich ein Thema?

    GH: Im Moment sind wir nur Frauen. Es ergibt sich aus der Erfahrung heraus, dass ich gut und gerne mit Frauen arbeite. Aber es hat schon Momente gegeben, wo im Team zwei Drittel Männer waren über längere Zeit. Es ist in der Tat kein großes Kriterium, allerdings geht es mir schon darum, junge Frauen zu unterstützen. In Büros wie meinem hat frau gute Chancen, tatsächlich unmittelbar in Projekte einzusteigen.


    TH:  In vielen Büros ist es dann doch eher männerlastig ...

    GH: Es stellt sich da immer die Frage: Wer ist Teil des Teams? Mit wem möcht' ich kooperieren? Wer sind die GesprächspartnerInnnen? Was sind die Referenzen? Das sind alles relevante Fragen in einer – das kann man nicht anders sagen – nach wie vor männlich strukturierten Architekturgesellschaft. Vielleicht erwarten sich Büros Vorteile dadurch, dass sie junge Männer statt junge Frauen auf Baustellen schicken. Ich finde es auch immer amüsant, wenn Bauherren, die es auch öfter gibt als Baufrauen, „meine Damen“ schreiben, sie sind kurz verblüfft, dass es nicht um die übliche Anrede meine „Damen und Herren“ geht, ich glaube, das taugt ihnen dann auch.

    TH: Wie schaffst du es, ein Büro zu leiten, auf der Uni zu unterrichten, Texte zu schreiben etc.?

    GH: Ich habe eine Siebentagewoche – was schon auch anstrengend ist. Im Büro selbst habe ich aber in den letzten Jahren eine Viertagewoche eingeführt, das kriegen wir jetzt zwar nicht immer, aber meistens ganz gut hin. Als ich in Holland war, haben das viele bis heute weltbekannte Büros so gehandhabt – und das wird immer wieder als generelles Zukunftsmodell diskutiert. Montag bis Donnerstag arbeiten wir länger, manchmal ist der freie Freitag nicht möglich, weil es dann doch Termine oder Fertigstellungen gibt. Aber Zeit zu haben, um konzentriert einen Text zu schreiben, um zu lesen und zu recherchieren, ein Konzept weiterzuentwickeln, einen Entwurf zu überdenken, ist im Büroalltag oft nicht so leicht. Ich glaube, man muss Formen und Freiräume finden, wie man die einzelnen Tätigkeiten zueinander produktiv macht.

    TH: Arbeitet ihr sehr flexibel, du und deine Mitarbeiter, auch wenn ihr ein anderes Zeitmodell habt?

    GH: Nein, ich glaube, eine formale Setzung ist schon wichtig. Wir fangen immer zu ähnlicher Zeit an, meist sind es schon acht bis neuen Stunden, die wir sehr konsequent, ruhig und konzentriert arbeiten. Mit einem total flexiblen System habe ich nicht so gute Erfahrungen. Ich mag so gewissen Formsetzungen schon, weil sie dann doch das gemeinsame Arbeiten leichter machen, und manchmal sind Formalisierungen dazu da, um auch wieder Freiräume zu schaffen.

    TH: Gab es auch die Überlegung, das Büro mit einem Partner oder einer Partnerin zu führen?

    Ich habe ganz am Anfang zwei Partner gehabt. Ich habe mich in Holland selbstständig gemacht, da hatte ich eine Partnerin. Wir wollten damals, als ich nach Wien zurückgegangen bin, das Büro international weiterführen. Sie ist aber dann „fremdgegangen“ (lacht) und hat sich einen holländischen Partner gesucht und ja ... Ich habe die wahrscheinlich Partner-entscheidenden Jahre nicht in Wien verbracht, da ich ja drei Jahre in Amerika und drei Jahre in Holland war und erst dann zurückgekommen bin. Das sind ja oft die Jahre, in denen sich Teams bilden.

    Ich finde es sehr produktiv, themenbezogen Partnerschaften einzugehen, mal mit KünstlerInnen, mal mit ArchitekturkollegInnen, mit anderen Disziplinen oder transdisziplinär zu arbeiten. Das Alleine-Führen des Büros hat Nachteile, aber auch Vorteile: Es kann schon echt kompromisslos sein in der Themenwahl, in der Projektwahl, in der Gestaltung dessen, womit wir uns beschäftigen, das ist eigentlich ganz gut. Aber klar, in Zukunft wird es schon auch wieder eine Partnerin geben, ein Partner ist aber auch nicht ausgeschlossen.

    TH: Wie wichtig sind dir Netzwerke? Du hast viele ProjektpartnerInnen, die auch in anderen Disziplinen tätig sind. Wie vernetzt du dich bei größeren Aufträgen, wo man auch Partnerschaften bildet?

    GH: Die Netzwerkbildung läuft eigentlich vor allem über inhaltliche Zusammenarbeit. Ich bin eine intensive Teilnehmerin am öffentlichen Diskursleben, gehe gern zu Vorträgen, organisiere sie auch gern, ebenso Diskussionen; ich mag das lieber als nur Biertrinken zu gehen, treffe dort Leute und führe interessante Gespräche. Grundsätzlich mache ich lieber nicht zu viele Projekte und bin dafür daran selbst intensiv mitbeteiligt. Also das Modell, ein großes Büro aufzuziehen, mit fünf Unterorganisationen, das sehe ich eigentlich nicht. Ich schätze es sehr, dass es in Österreich, auch in Mitteleuropa, noch eine Baukultur gibt, die es möglich macht, dass sehr viele kleinere Büros tätig sind, die unterschiedliche, große und kleine, Projekte machen können, dass es nicht per se abhängt vom Umsatz oder der Größe des Büros, aber leider geht die Entwicklung in eine andere Richtung. Wir müssen daher diese Qualität verteidigen. Es ist übrigens auch eine Qualität für die Bauherren, dass sie eben wissen, wenn sie mit mir was planen und bauen, dann bin ich als Büroinhaberin genauso beteiligt, wie das Team, das daran arbeitet. Bei größeren Projekten tut man sich halt zusammen, wenn die Bürostrukturen größer sein müssen, aber ich hoffe sehr, dass diese spezifische baukulturelle Bürolandschaft zu halten ist.

    Ich war ja auch längere Zeit im Architekturbeirat von der BIG, der Bundesimmobiliengesellschaft, und fand es großartig, wie der damalige Leiter in einem Vortrag über die letzten fünfzig öffentlichen BIG Schulwettbewerbe gezeigt hat, dass 47 davon jeweils von einem anderen Büro gewonnen wurden und das heißt, wahrscheinlich um die dreißig oder vierzig Projekte von einem Büro, das noch nie eine Schule gemacht hat. Das ist großartig: Der öffentliche Auftraggeber, dessen Schullandschaft eine heterogene ist, beschäftigt eben gerade nicht nur das große, spezialisierte Büro, das alle diese heterogenen Projekte runterklopft. Das finde ich gut und schön, wenn mit einem gewissen Selbstbewusstsein die kleineren, vielleicht dafür auch flexibleren, jedenfalls intensiveren Strukturen wertgeschätzt werden und es auch klar artikuliert wird, was für einen Wert sie schaffen.

    TH: Thema: Frauen & Arbeit. In den 20-er Jahren befand sich die Gesellschaft in einem krassen Umbruch. Die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg. Und man kennt ja das Bild der Trümmerfrauen 1945 ... Nach dem Krieg kommen die Männer zurück und wollen ihre Arbeitsplätze und ihre Hausfrauen wieder. Erwerbstätigkeit war immer auch politisch, Unabhängigkeit durch eigenen Lohn. Die Industrialisierung, die Erwerbsarbeit für Frauen im großen Stil möglich machte. Fragen nach Erwerbstätigkeit und wer ist für Familie und Kinder zuständig, beschäftigen uns in diesem Zusammenhang schon ein ganzes Jahrhundert! Wie sieht es heute damit aus, wo stehen wir?

    GH: Du meinst, dass es heute eher um Lifestyle oder um Fragen der Selbstverwirklichung geht? Die Frage für mich ist, wie Feminismus verknüpft wird mit Klassenfragen, mit Migrationsfragen, mit grundsätzlichen Ungerechtigkeitsthemen, mit Ungleichverteilung: Denn wenn diese Fragen nicht im Feminismus eingebettet ist, geht es zu schnell darum, ob ich mich verwirklichen kann als Frau. Das ist selbstverständlich auch relevant, aber es geht eben nicht nur um mich in der eigenen Community oder um die eigene Peer Group, sondern um eine Form von Allianz für einen größeren öffentlichen Kampf, der gemeinsam artikuliert wird. Das bringt uns automatisch über die eigenen Interessen hinaus. Wo sind strukturelle Ungerechtigkeiten oder strukturelle Formen von Diskriminierung? Das bringt dann vielleicht auch meine eigene Position wieder in ein klärendes Licht: OK, meine Position als Architektin ist nicht die schlimmste, nicht die prekärste. Sie ist prekär innerhalb des Feldes (daher ist das Gendering im Namen der Kammer ein großer repräsentativer Schritt!), aber erst die Allianz mit anderen, oft schärferen Diskriminierungen größeren Maßes und existenziellen Schwierigkeiten, bringt Politik ins Spiel. Letztlich ist ja auch Architektur nie ein Fach, wo es darum geht, eigene Vorlieben umzusetzen; da wäre ich ja falsch besetzt als Architektin. Ich zwinge niemandem blaue Möbel auf, weil ich gerade in einer blauen Phase bin. Eine ästhetische Haltung ist natürlich essenziell in der Architektur, aber nicht eine künstlerische Persönlichkeit, die sich verwirklichen muss.

    TH: Warum verdienen Männer mehr? Oft ist es ja auch so, der Mann arbeitet, weil er mehr verdient.

    GH: Ja, warum sollte die Stunde des Mannes wertvoller sein als eine Stunde der Frau?

    Beide arbeiten eine gleiche Stunde ihres Lebens. Diese Frage ist natürlich eine total politische Frage, die aber sofort auch weitergedacht werden muss: Warum haben Geflüchtete nicht den selben Anspruch in der Entlohnung, auf Arbeit überhaupt? Auf dieselbe Form von Arbeitslosenversicherung? Es gibt Zuschreibungen von Rechten und Pflichten, die total unterschiedlich sind und eben nicht jeden Menschen gleich behandeln. Bei Frauen betrifft das sozusagen wirklich die Hälfte der Menschheit.

    Ich freue mich über ein Projekt wie deines, weil es viel zu wenige davon gibt, viel zu wenig wirklich selbstbewusstes Fragen, warum es selbst in einem Beruf wie dem unseren – in der Architektur, Stadtplanung usw., der sich selbst als intellektueller Beruf versteht, als sensibler – ja warum es auch da, vielleicht noch mehr als in anderen Berufen, so unterschiedliche Bewertungsformen gibt, strukturelle Ungleichheiten, Bündnisse, machtvolle Auftrags- und Vergabestrukturen; insofern ist es gut, auch genau in der Architektur hinzuschauen.

    TH: Zum Thema Role Models: Hier könnte man ja einen positiven Hebel ansetzen. Wenn man als junge Frau sieht, dass Frauen in jedem Bereich der Gesellschaft vertreten sind und auch in den oberen Etagen mitbestimmen zum Beispiel auf den Unis als Professorinnen, dann wäre es ja für die nächste Generation etwas Selbstverständliches ... also eine positive Sozialisierung.

    G.H.: Wo gibt es die ersten Role Models? Es ist nicht erklärbar – also es ist leider erklärbar, aber nicht zu akzeptieren – , dass an den Universitäten nach wie vor deutlich mehr Professoren als Professorinnen tätig sind; dass es nach wie vor Prüfungssituationen gibt, wo eine Mehrzahl von Studentinnen vor ausschließlich Männern ihre Projekte präsentieren. Man muss Quoten einführen, die letztlich nichts Anderes machen als Frauen die gleichen Chancen zu geben wie Männern: nämlich auch "on the job" zu lernen und sich weiter zu qualifizieren. Du wirst nur erfahrener, in dem du die Dinge auch machst. Sie zu machen, heißt auch die Chance zu kriegen, sie zu machen.

    Ja und insofern sind Rollenbilder total wichtig und ich wünsche auch jeder jungen Architektin eine ähnliche Erfahrung wie meine, also so jemand wie Schütte-Lihotzky kennenzulernen. Es muss ja nicht gleich eine Person mit einer so extremen Biographie sein, aber ich glaube, jede loyale Beziehung oder Freundschaft mit anderen Frauen, die man schätzt und umgekehrt, kann viel bringen.

    Der Alltag zeigt uns ja die ganze Zeit, dass es selbstverständlich darum geht, kooperativ zu sein. Sich als Feministin zu verstehen heißt ja nicht notwendigerweise jetzt eine Kampftruppe zu organisieren, die solange trommelt, bis – auf den Cent – das gleiche Gehalt für alle erreicht ist. Wäre schön, wenn es die auch gibt, hätte ich nichts dagegen – aber es heißt ja sicherlich auch, sich in Arbeitszusammenhängen zu verstehen, die eben mit weniger dominanten Strukturen zu tun haben, die grundsätzlicher mit Freundschaft als Möglichkeit zu tun haben, mit Formen von Kollegialität und Solidarität. Es ist kein Zufall, dass sich Schütte-Lihotzky nach dem Zweiten Weltkrieg in internationalen Frauenbewegungen stark gemacht hat. Sie hat gemerkt, wie sehr ihre eigenen Möglichkeiten, aber auch Nicht-Möglichkeiten nach wie vor in starkem Gegensatz zu einer globalen Verteilungsgerechtigkeit und globalen Frauenrechten stehen, und das hat sie dann explizit gemacht. Da müsste man, finde ich, noch genauer hinschauen, warum diese erfolgreiche und bekannte – jedoch im Kalten Krieg boykottierte –  Architektin sich dafür entscheidet, sich als starke Fürsprecherin in globale Frauenrechtsthematiken einzubringen.

    Gabu Heindl ist Architektin und Stadtforscherin in Wien. Mit ihrem Büro GABU Heindl Architektur baut sie öffentliche Kultur- und Bildungseinrichtungen, plant an Gestaltungsleitlinien für den Donaukanal Wien und konzipiert Projekte zu Fragen von gerechter Stadt, Verdichtung des städtischen Umfelds oder Umbau im Bestand. Sie absolvierte das Architekturstudium an der Akademie der Bildenden Künste in Wien, an der Geidai University in Tokyo und der Princeton University, USA. Von 2001 bis 2003 als Architektin in New York und Amsterdam tätig. Lehrte an der Technischen Universität Graz, der TU Delft, am Berlage Institute in Rotterdam und an der Princeton University. Seit 2007 Lehrtätigkeit am Institut für Kunst und Architektur, Akademie der Bildenden Künste in Wien. Seit 2009 Vorstandsmitglied der ÖGFA, seit 2013 Vorsitzende der Österreichische Gesellschaft für Architektur, Wien.

    Interviewreihe im Zuge von: Margarete und ihre Schwestern - Heldinnen der Architektur
    Eine aktionistische Wanderausstellung auf den Vorplätzen der Architekturuniversitäten Wiens

    Theresa Häfele_Wien_ 2017